Wachstum wird an der Börse häufig über neue Kunden erzählt. Mehr Nutzer, mehr Abonnenten, mehr verkaufte Produkte – und möglichst jedes Jahr noch einmal deutlich mehr davon.

Das ist nachvollziehbar. Trotzdem glaube ich, dass einige der besten Geschäftsmodelle an einer ganz anderen Stelle überzeugen. Sie müssen nicht jedes Jahr Millionen neue Kunden gewinnen, um weiter erfolgreich zu sein.

Denn ihre bestehenden Kunden zahlen immer wieder.

Genau das macht Unternehmen mit hohen wiederkehrenden Umsätzen und starken Wechselkosten für mich besonders interessant.

Ein Kunde kann über Jahrzehnte wertvoll bleiben

Nehmen wir Microsoft (WKN: 870747). Ein Unternehmen, das Microsoft 365, Azure, Teams oder andere Lösungen tief in seine IT-Infrastruktur integriert hat, entscheidet nicht jedes Jahr komplett neu, ob es Kunde bleiben möchte. Ein Wechsel zu einem Wettbewerber bedeutet häufig neue Prozesse, Schulungen, Datenmigration und möglicherweise sogar operative Risiken.

Natürlich gewinnt Microsoft weiterhin neue Kunden. Der entscheidende Punkt ist aber: Ein großer Teil des bestehenden Geschäfts muss nicht jedes Jahr erneut von null aufgebaut werden.

Ähnlich funktioniert Adobe (WKN: 871981). Wer beruflich Photoshop, Illustrator, Premiere Pro oder Acrobat nutzt und entsprechende Arbeitsabläufe aufgebaut hat, wechselt nicht einfach deshalb die Software, weil ein Konkurrent einige Euro günstiger ist. Das Produkt wird Teil des täglichen Arbeitsprozesses.

Und genau dort entsteht wirtschaftliche Stärke.

Wiederkehrende Umsätze verändern die Rechnung

Ein Unternehmen, das jedes Jahr seine gesamten Kunden neu überzeugen muss, startet praktisch immer wieder bei null. Marketing, Vertrieb und Rabatte werden benötigt, um Nachfrage zu erzeugen.

Bei einem starken Abo-Modell sieht das anders aus. Ein erheblicher Teil des Umsatzes kommt bereits aus bestehenden Vertragsbeziehungen. Dadurch wird das Geschäft planbarer, und zusätzliche Kunden können auf eine bereits sehr profitable Basis gesetzt werden.

Das gefällt mir als Anleger besonders gut. Denn Wachstum wird dadurch nicht nur größer, sondern häufig auch effizienter.

Wenn ein Unternehmen gleichzeitig hohe Bruttomargen erzielt und seine Produkte für die Kunden immer wichtiger werden, kann aus dieser Kombination ein außergewöhnlich profitables Geschäftsmodell entstehen.

Die entscheidende Zahl steht nicht immer im Umsatzwachstum

Deshalb schaue ich bei solchen Unternehmen nicht nur darauf, wie viele neue Nutzer hinzukommen. Mindestens ebenso wichtig ist die Frage, wie viele bestehende Kunden bleiben, mehr Produkte nutzen oder im Laufe der Zeit höhere Preise akzeptieren.

Ein Kunde, der zehn Jahre bleibt und jedes Jahr etwas mehr bezahlt, kann wirtschaftlich deutlich wertvoller sein als mehrere kurzfristig gewonnene Nutzer.

Genau deshalb ist Kundenbindung für mich einer der unterschätztesten Burggräben überhaupt.

Natürlich besitzt kein Unternehmen seine Kunden. Auch Microsoft und Adobe müssen ihre Produkte laufend verbessern und den Mehrwert rechtfertigen. Werden Preise überzogen oder bessere Alternativen entstehen, können Kunden wechseln.

Aber je tiefer eine Software in den Alltag oder die Prozesse eines Unternehmens eingebaut ist, desto höher wird die Hürde.

Wachstum ohne ewige Neukundensuche

Vielleicht ist genau das der Punkt, den Anleger beim Thema Wachstum häufiger berücksichtigen sollten.

Ein großartiges Unternehmen braucht nicht ständig eine völlig neue Zielgruppe, einen neuen Markt oder Millionen zusätzliche Kunden. Manchmal reicht es, wenn bestehende Kunden über viele Jahre bleiben, regelmäßig bezahlen und mit dem Unternehmen mitwachsen.

Das klingt deutlich weniger spektakulär als die nächste Nutzerexplosion.

Ökonomisch kann es aber eines der attraktivsten Geschäftsmodelle überhaupt sein.

Der Artikel Diese Aktie braucht keine neuen Kunden – und genau das macht sie so stark ist zuerst erschienen auf Aktienwelt360.