Die Alphabet-Aktie hat seit Mitte Mai zeitweise rund 15% nachgegeben, obwohl sich an der operativen Lage des Techkonzerns wenig verändert hat. Gestern zeigte der Kurs eine erste deutliche Gegenwehr und gewann rund 5% hinzu. Wie geht es jetzt weiter?
Der Kursrückgang der letzten Wochen dürfte vor allem auf Entwicklungen zurückzuführen sein, die nur begrenzt mit der operativen Leistung des Unternehmens zusammenhängen. Im gesamten Technologiesektor fand eine Umschichtung weg von Unternehmen mit besonders hohen Investitionen in Künstliche Intelligenz statt. Anleger stellen zunehmend die Frage, wer die enormen Ausgaben für den Ausbau der benötigten Rechenkapazitäten letztlich finanzieren wird.
Zusätzlichen Druck erzeugte die Verschiebung eines geplanten Gemini-Updates um einige Wochen in den Juli. Diese Verzögerung sorgte für negative Schlagzeilen und belastete die Stimmung rund um die Aktie, ohne die langfristigen Geschäftsaussichten wesentlich zu verändern.
Finanzierung der Investitionen sorgt für Vertrauen
Von besonderer Bedeutung ist die Finanzierung der gewaltigen Investitionsprogramme. Alphabet platzierte eine Kapitalerhöhung im Umfang von letztlich 90 Milliarden US-Dollar und setzte damit einen neuen Rekord für das größte Aktienangebot eines Unternehmens. Besonders bemerkenswert ist die Beteiligung von Berkshire Hathaway, das sich im Rahmen einer Privatplatzierung mit zehn Milliarden US-Dollar engagierte. Die Investition gilt zugleich als eines der ersten großen Technologie-Engagements unter der Führung von Greg Abel.
Hinzu kommt ein separates Infrastrukturprojekt im Umfang von 25 Milliarden US-Dollar gemeinsam mit Blackstone zum Ausbau von TPU-Rechenkapazitäten. Damit signalisiert Alphabet, dass selbst besonders disziplinierte Kapitalgeber bereit sind, den langfristigen Ausbau der KI-Infrastruktur zu finanzieren.
Operative Entwicklung liefert weitere Argumente
Während die Aktie unter Druck geriet, entwickelte sich das operative Geschäft weiter positiv. Der Robotaxi-Dienst Waymo überschritt die Marke von 500.000 bezahlten Fahrten pro Woche und strebt bis Jahresende eine Million Fahrten wöchentlich an. Gleichzeitig laufen die Vorbereitungen für den Markteintritt in London und Tokio, nachdem das Unternehmen im Februar 126 Milliarden US-Dollar an frischem Kapital aufgenommen hatte.
Auch die KI-Plattform Gemini wächst dynamisch. Über die Programmierschnittstelle werden inzwischen mehr als 16 Milliarden Token pro Minute verarbeitet, was einem Quartalswachstum von rund 60 Prozent entspricht. Die Zahl der zahlenden Unternehmenskunden legte im gleichen Zeitraum um 40 Prozent zu. Zusätzlich profitiert Alphabet künftig von der Aufnahme in den Dow Jones Industrial Average, wodurch weitere passive Investmentgelder in die Aktie fließen könnten.
Freier Cashflow wird derzeit verzerrt
Der derzeit schwache freie Cashflow wird nach Ansicht vieler Marktbeobachter überschätzt. Während der Höhepunkt der Investitionen erreicht wird, könnten die Investitionsausgaben zeitweise auf rund 38 Prozent des Umsatzes steigen, wodurch die freie Cashflow-Marge auf etwa zwei Prozent sinkt. Gleichzeitig spiegeln sich die entsprechenden Abschreibungen bislang noch nicht vollständig in den Geschäftszahlen wider.
Langfristig dürfte sich dieses Bild jedoch wieder normalisieren. Mit dem Abschluss des Ausbaus der Infrastruktur sollten die Investitionsausgaben bis zum Ende des Jahrzehnts wieder auf einen Anteil im niedrigen Zwanzig-Prozent-Bereich des Umsatzes zurückgehen. Gleichzeitig würden höhere Abschreibungen und steigende Skaleneffekte die freie Cashflow-Marge schrittweise wieder in Richtung ihres historischen Niveaus von rund 25 Prozent führen. Eine Bewertung ausschließlich anhand des aktuellen freien Cashflows könnte daher die tatsächliche Ertragskraft des Unternehmens unterschätzen.
Auch das Management verweist darauf, dass die Nachfrage das vorhandene Angebot derzeit übersteigt. Konzernchef Sundar Pichai erklärte, dass der Cloud-Umsatz noch höher ausgefallen wäre, wenn ausreichend Rechenkapazitäten verfügbar gewesen wären. Der Auftragsbestand beläuft sich inzwischen auf 462 Milliarden US-Dollar. Rund die Hälfte dieses Volumens soll innerhalb der kommenden zwei Jahre in Umsatz umgewandelt werden. Dabei handelt es sich um bereits vertraglich gesicherte Erlöse und nicht lediglich um Prognosen.
Drei Szenarien für die weitere Entwicklung
Im negativen Szenario steigen die Investitionsausgaben schneller als die Erträge aus dem Cloud-Geschäft. Gleichzeitig geraten die operativen Margen unter Druck und die Bewertung bleibt auf dem derzeit niedrigen Niveau. Daraus ergibt sich bei einem Gewinn je Aktie von 15 US-Dollar im Jahr 2027 ein Kursziel von rund 304 US-Dollar. Der Markt scheint dieses vorsichtige Szenario bereits weitgehend einzupreisen.
Im Basisszenario verbessert sich der freie Cashflow wie erwartet, während die Margen im Cloud-Geschäft stabil bleiben oder leicht steigen. Gleichzeitig normalisiert sich die Bewertung in Richtung des Branchendurchschnitts. Daraus ergibt sich bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 23,5 ein Kursziel von rund 393 US-Dollar.
Im optimistischen Szenario beschleunigt sich das Cloud-Wachstum erneut, der hohe Auftragsbestand wird erfolgreich in Umsatz umgewandelt und Waymo entwickelt sich zu einem bedeutenden zusätzlichen Werttreiber. In diesem Fall könnte der Markt Alphabet mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 28,5 bewerten, was ein Kursziel von etwa 531 US-Dollar ermöglichen würde.
Waymo stellt dabei eine zusätzliche Chance dar. Je nach Szenario wird der Beitrag auf vier bis 18 US-Dollar je Aktie geschätzt. Selbst die höchste Annahme bleibt unter der Bewertung, die sich aus der jüngsten privaten Finanzierungsrunde ableiten ließe. Dadurch wird das Potenzial des Unternehmens eher vorsichtig berücksichtigt.
Hohe Investitionen bleiben größtes Risiko
Das wichtigste Risiko bleibt die außergewöhnlich hohe Investitionsoffensive. Für das Jahr 2026 werden Investitionen zwischen 180 und 190 Milliarden US-Dollar erwartet. Dies dürfte die freie Cashflow-Marge vorübergehend deutlich belasten und gleichzeitig steigende Abschreibungen nach sich ziehen. Sollte sich das Wachstum im Cloud-Geschäft verlangsamen oder der bestehende Auftragsbestand langsamer in Umsatz umgewandelt werden, könnten die operativen Margen unter Druck geraten.
Hinzu kommt die Verwässerung bestehender Aktionäre durch die umfangreiche Kapitalaufnahme zur Finanzierung der KI-Infrastruktur. Weitere Kapitalmaßnahmen, insbesondere bei niedrigeren Aktienkursen, könnten die Gewinnentwicklung je Aktie zusätzlich belasten und die Kapitaleffizienz beeinträchtigen.
Das bereinigte Kurs-Gewinn-Verhältnis Alphabets liegt inzwischen bei 26. Meta Platforms kommt auf ein Verhältnis von knapp 18, während Microsoft bei rund 23 liegt. Damit ist Alphabet kein Schnäppchen, bietet angesichts der Investitionen aber genügend Phantasie.
Sollten sich die hohen Investitionen wie erwartet in steigendes Wachstum und höhere Cashflows umwandeln, könnte die aktuelle Bewertung langfristig attraktives Potenzial bieten.
Alphabet in Kürze
- Alphabet Inc. (WKN: A14Y6H) ist eine im kalifornischen Mountain View ansässige Holding und Muttergesellschaft der weltgrößten Suchmaschine Google.
- Neben Google betreibt Alphabet auch die Videoplattform YouTube und ein Cloud-Business. Zudem gehören zahlreiche Venture-Unternehmen, wie beispielsweise DeepMind und Waymo, zur Holding.
- Alphabet ist Mitglied in den US-Leitindizes Nasdaq 100 und S&P 500. Der Konzern wird zu den sogenannten „Big Five“ der Technologieindustrie gezählt und ist aktuell rund 4,3 Billionen US$ wert.
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