
Angesichts der bevorstehenden US-Präsidentschaftswahl beobachten Marktanalysten aufmerksam die möglichen Auswirkungen eines Wahlsieges Trumps auf den Euro-Dollar-Wechselkurs.
Der Euro ist im vergangenen Monat aufgrund zunehmender Spekulationen über einen Sieg Trumps bereits um über zwei Prozent gefallen, da seine politischen Vorschläge auf eine Rückkehr zum US-Protektionismus hindeuten, die die globale Wirtschaftsdynamik verändern könnte.
Ökonomen sind sich weitgehend einig, dass eine weitere Trump-Regierung den Euro schwächen und ihn möglicherweise bis zur Parität gegenüber dem Dollar drücken könnte – oder sogar darunter.
Warum könnte ein Sieg Trumps Auswirkungen auf den Euro haben?
Einer der Hauptgründe für eine mögliche Schwäche des Euro sind Trumps Zollmaßnahmen.
Der ehemalige Präsident hat Zölle von 60 Prozent auf chinesische Waren und 10 Prozent auf andere Importe vorgeschlagen, um Arbeitsplätze wieder in die USA zu verlagern.
Ökonomen warnen, dass derartige Zölle die Inflation im Inland erhöhen könnten, da die Unternehmen die höheren Importkosten an die Verbraucher weitergeben.
Dieser Inflationsdruck könnte die US-Notenbank zu einer Zinserhöhung veranlassen. Dies würde Anleger zu höher rentierlichen US-Anlagen locken und den Dollar stärken.
Auch europäische Exporteure könnten unter Trumps Handelspolitik leiden, vor allem jene in Deutschland, Italien und Frankreich, für die die USA ein wichtiger Markt sind.
Als Reaktion darauf könnte die Europäische Zentralbank (EZB) gezwungen sein, ihre Geldpolitik zu lockern, um der Konjunkturbremse entgegenzuwirken, was möglicherweise zu einer lockereren Zinspolitik führen könnte.
Eine Vergrößerung der Zinslücke zwischen der Federal Reserve und der EZB würde wahrscheinlich den Dollar stützen und den Euro weiter schwächen.
Neben den Zöllen dürfte auch Trumps Haltung zur Einwanderung die Devisenmärkte beeinflussen.
Eine Einschränkung der Einwanderung könnte zu einer Anspannung des US-Arbeitsmarktes führen und die Löhne in die Höhe treiben, da die Unternehmen um Arbeitnehmer konkurrieren.
Nach Ansicht einiger Analysten könnte dieser Aufwärtsdruck auf die Löhne auch die Inflation anheizen, was eine restriktivere Haltung der US-Notenbank wahrscheinlich machen und den Dollar zusätzlich stützen würde.
Was sagen Analysten?
Mehrere Währungsexperten äußerten ihre Einschätzungen, was ein Sieg Trumps für den Euro-Dollar-Kurs bedeuten könnte.
Luca Santos, Devisenanalyst bei ACY Securities, erklärte in einem Euronews-Bericht:
Ein möglicher Sieg Trumps könnte politische Veränderungen mit sich bringen, die darauf abzielen, das US-Wirtschaftswachstum durch Inlandsausgaben und eine protektionistischere Handelspolitik anzukurbeln. Ein solches Szenario führt oft zu einem stärkeren Dollar, da die Anleger auf ein günstiges Wirtschaftsklima für US-Vermögenswerte setzen.
Georgette Boele, leitende Devisen- und Edelmetallstrategin bei ABN Amro, betonte die Widerstandsfähigkeit des Dollars und stellte fest: „Die Märkte haben infolge starker US-Daten für dieses Jahr weniger Zinssenkungen für die Fed eingepreist, für die EZB jedoch mehr.“
Boele wies darauf hin, dass Meinungsumfragen die jüngste Volatilität des Dollars angeheizt hätten, wobei die steigenden Chancen für Trump die kurzfristigen Währungsbewegungen beeinflussten.
Andere Analysten sind ebenso besorgt hinsichtlich der Zukunft des Euro in einem Szenario nach der Wahl Trumps.
Alejandro Cuadrado und Roberto Cobo, Strategen bei BBVA, sagen voraus, dass der Euro im Falle eines Siegs der Republikaner unter 1,08 Dollar fallen könnte.
Michael Cahill von Goldman Sachs vertrat eine der pessimistischeren Ansichten und meinte, dass „divergierende geldpolitische Auswirkungen für die USA und Europa den Euro um etwa 3% schwächen könnten.“
Sollten die von Trump vorgeschlagenen Zölle und Steuersenkungen umgesetzt werden, könnte der Euro nach Cahills Spekulationen um weitere zehn Prozent fallen und möglicherweise unter die Parität mit dem Dollar fallen.
Was könnte dieses Mal anders sein?
Die Auswirkungen von Trumps erster Amtszeit auf die Devisenmärkte bieten einen gewissen Kontext, ermöglichen jedoch nicht unbedingt eine direkte Prognose für das Jahr 2024.
Als Trump 2016 sein Amt antrat, stieg der Dollar stark an und der Euro fiel von 1,10 Dollar im Oktober 2016 auf 1,034 Dollar Anfang 2017.
Stefan Gerlach, Chefökonom der EFG Bank AG, erklärte: „Die US-Wahlen führten zu einem deutlichen Anstieg der US-Zinsen, da die Märkte erwarteten, dass Trumps Wirtschaftspolitik Wachstum und Inflation ankurbeln würde.“
Diese Erwartung führte zu einer Vergrößerung der Zinslücke zwischen amerikanischen und deutschen Anleihen, was den Abwertungsdruck auf den Euro noch verstärkte.
Mitte 2017 begann der Euro jedoch an Stärke zu gewinnen, als Trumps Gesetzgebungsagenda ins Stocken geriet und sich das Wachstum in Europa verbesserte.
Die politische Stabilität in der Eurozone und insbesondere die proeuropäischen Wahlergebnisse in Frankreich und den Niederlanden trugen ebenfalls zur Erholung der Währung bei.
Während Trumps erster Amtszeit stieg der Euro gegenüber dem Dollar letztlich von 1,10 auf 1,18 Dollar im November 2020, als die Covid-19-Pandemie zu einer lockereren Politik der Fed führte, die den Dollar weiter schwächte.
Im Jahr 2024 sieht die Lage anders aus. Da die Inflation eine hartnäckigere Herausforderung darstellt, könnte jeder zusätzliche Druck durch Trumps Zölle oder seine Einwanderungspolitik die Fed eher früher als später dazu veranlassen, ihre Geldpolitik zu straffen.
Die EZB hingegen konzentriert sich weiterhin auf eine wirtschaftliche Erholung, die anfälliger gegenüber globalen Handelsspannungen ist.
Sollten sich Trumps Maßnahmen unverhältnismäßig negativ auf die europäischen Exporte auswirken, bleibt der EZB möglicherweise keine andere Wahl, als Lockerungsmaßnahmen zu ergreifen. Dies würde die Zinsdifferenz vergrößern und den Abwertungsdruck auf den Euro verstärken.
Anleger in höchster Alarmbereitschaft
Für Anleger, die den Euro-Dollar-Wechselkurs beobachten, bringt die Aussicht auf einen Sieg Trumps eine Reihe potenzieller Veränderungen mit sich, die es zu berücksichtigen gilt.
Eine Kombination aus erneutem Protektionismus in den USA, Inflationsrisiken und divergierenden Geldpolitiken könnte entscheidend dazu beitragen, den Euro näher an die Parität mit dem Dollar heranzuführen.
Ökonomen geben zwar zu bedenken, dass es für dieses Szenario keine Garantie gibt, doch ein von Trump angeführtes Wirtschaftsumfeld könnte zu wesentlichen Veränderungen in der US-amerikanischen und europäischen Wirtschaft führen.
Gerlach drückt es so aus: „Die Auswirkungen von Zinsunterschieden können tiefgreifend sein und in Verbindung mit außenwirtschaftlichen Maßnahmen den Euro auf ein historisches Tief drücken.“
Anleger sollten sich mit Näherrücken des Wahltags auf eine erhöhte Volatilität einstellen.
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