Nach einer Rallye im Vorfeld der Zahlen hatte die Siemens-Aktie erst am Mittwoch ein neues Rekordhoch erreicht. Doch die Zahlen sorgen zunächst einmal für Abgabedruck. Der Münchener Technologiekonzern verliert bis zu -6% und ist damit hinter Scout24 schwächster DAX-Wert. Handelt es sich nur um Gewinnmitnahmen oder steckt mehr dahinter?
Rekordzahlen und Prognoseanhebung
Die fundamentalen Zahlen sprechen jedenfalls eine klare Sprache. Siemens hat im dritten Geschäftsquartal nahezu auf allen Ebenen neue Bestmarken erreicht. Der Auftragseingang stieg um 13% auf den Rekordwert von 27,9 Milliarden €, während der Umsatz um 8% auf 20,8 Milliarden € zulegte. Besonders erfreulich entwickelte sich das Industriegeschäft, dessen operatives Ergebnis um rund ein Viertel auf 3,5 Milliarden € kletterte. Unter dem Strich verdiente der DAX-Konzern mit 2,58 Milliarden € rund 16% mehr als im Vorjahreszeitraum.
Noch wichtiger ist jedoch der Blick nach vorne. Weil der Auftragseingang den Umsatz erneut deutlich übertraf, wuchs der Auftragsbestand auf den Rekordwert von 132 Milliarden €. Das verschafft Siemens eine außergewöhnlich hohe Visibilität für die kommenden Quartale.
Folgerichtig hob Vorstandschef Roland Busch auch die Gewinnprognose an. Statt eines Ergebnisses je Aktie zwischen 10,70 und 11,10 € peilt der Konzern nun 11,20 bis 11,50 € an. Die Umsatzprognose von 6 bis 8% vergleichbarem Wachstum wurde bestätigt – wobei Siemens unverändert davon ausgeht, das obere Ende dieser Spanne zu erreichen.
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KI bleibt der wichtigste Wachstumstreiber
Besonders dynamisch entwickelt sich weiterhin das Geschäft rund um KI-Infrastruktur. Smart Infrastructure profitierte erneut von der enormen Nachfrage nach Rechenzentren und erzielte sowohl beim Umsatz als auch beim Ergebnis neue Rekorde. Das operative Ergebnis der Sparte legte um 19% auf 1,27 Milliarden € zu.
Gleichzeitig setzt sich die Erholung der zuletzt schwächeren Sparte Digital Industries fort. Das Softwaregeschäft wächst zweistellig, während die Nachfrage nach Automatisierungslösungen vor allem in China wieder anzieht.
Hinzu kommen Fortschritte bei der geplanten Abspaltung von Siemens Healthineers. Nach Angaben des Managements sind die wesentlichen steuerlichen Fragen inzwischen geklärt, sodass der Zeitplan für die Transaktion bestehen bleibt.
Warum fällt die Aktie trotzdem?
Die Reaktion der Börse wirkt auf den ersten Blick überraschend. Tatsächlich übertraf Siemens die Konsensschätzungen nahezu auf ganzer Linie. Allerdings war nach der starken Rallye im Vorfeld der Zahlen bereits sehr viel Optimismus eingepreist. Zudem entsprach die angehobene Gewinnprognose weitgehend den Erwartungen vieler Analysten und sorgte daher nicht mehr für den erhofften positiven Überraschungseffekt.
Entsprechend sehen viele Marktteilnehmer den Kursrückgang vor allem als klassische Gewinnmitnahme. Auch Analysten bleiben überwiegend optimistisch. JPMorgan bestätigte das „Overweight“-Rating mit einem Kursziel von 345 €, UBS bekräftigte ihre Kaufempfehlung mit einem Zielwert von 310 €. Der Analystenkonsens liegt aktuell bei rund 305 € und signalisiert damit weiteres Aufwärtspotenzial von fast +12%.
Qualität zu fairer Bewertung
Fundamental bleibt Siemens hervorragend positioniert. Mit einem KGV von rund 19 ist der Technologiekonzern angesichts seiner starken Marktstellung in den Bereichen Automatisierung, Elektrifizierung und industrielle KI nicht zu hoch bewertet. Hinzu kommt eine solide Dividendenrendite von rund 2%, die durch den hohen freien Cashflow komfortabel abgesichert ist. Analysten rechnen zudem mit einer weiteren Dividendenerhöhung im kommenden Jahr.
Charttechnik: Bullisches Chartbild
Auch charttechnisch bleibt der langfristige Aufwärtstrend intakt. Nach der Korrektur zwischen Februar und März etablierte sich eine neue Aufwärtsbewegung, die Mitte Mai in einem neuen Rekordhoch mündete. Nach einer mehrwöchigen Konsolidierung zog der Kurs Ende Juli wieder an und brach auf neue Höchststände aus.
Der aktuelle Rücksetzer hat die Aktie zwar zeitweise unter die 50-Tage-Linie gedrückt, dort griffen Anleger jedoch direkt wieder zu. Gelingt es dem Kurs, sich oberhalb des SMA50 zu behaupten, rückt das Rekordhoch schnell wieder in Reichweite.
Darüber wäre sogar Platz bis zur psychologisch wichtigen Marke von 300 €. Erst bei einem nachhaltigeren Rückfall unter die 50-Tage-Linie würde sich das Bild eintrüben und ein Test der Unterstützung um 260 € beziehungsweise der 200-Tage-Linie bei 249,15 € wahrscheinlicher werden.
Siemens liefert einmal mehr den Beweis, warum der Konzern zu den qualitativ hochwertigsten Industrieunternehmen Europas zählt. Rekordaufträge, eine angehobene Gewinnprognose und strukturelles Wachstum durch KI-Infrastruktur sprechen unverändert für die Münchener. Dass die Aktie nach einer starken Rallye zunächst unter Druck gerät, überrascht kaum und dürfte eher auf Gewinnmitnahmen als auf fundamentale Schwäche zurückzuführen sein.
Für langfristig orientierte Anleger bleiben Rücksetzer deshalb interessante Einstiegsgelegenheiten. Zwar ist kurzfristig keine spektakuläre Outperformance zu erwarten, doch mit seinem defensiven Geschäftsmodell, der hohen Dividendenqualität und der verlässlichen Gewinnentwicklung bleibt Siemens ein attraktiver Dauerläufer im DAX.
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Siemens SE in Kürze
- Die Siemens AG (WKN: 723610) ist ein weltweit führendes Unternehmen der Elektronik und Elektrotechnik. Der Konzern ist weltweit schwerpunktmäßig in den Bereichen Mobilität, Industrie und Digitalisierung tätig.
- Neben dem Hauptsitz in München unterhält der Konzern Niederlassungen weltweit.
- Siemens ist der größte Anteilseigner bei den ausgelagerten Töchtern Siemens Energy und Siemens Healthineers. Siemens Energy dient nur noch als Finanzanlage.
- Die Aktie ist im DAX gelistet, die Marktkapitalisierung liegt bei 206,7 Milliarden €.
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