Die SGL-Carbon-Aktie konnte den Kursanstieg im Mai auf etwa 5,50 € nicht halten und korrigierte anschließend deutlich. Am Mittwoch notiert sie aktuell bei rund 4 €. Damit stellt sich die Frage: Besitzt die Aktie nach der eingeleiteten Umstrukturierung weiteres Potenzial?

Strategische Neuausrichtung eröffnet Chancen

Im vergangenen Jahr leitete das Management eine umfassende Restrukturierung ein. Ziel ist es, sich von margenschwachen Aktivitäten zu trennen und die vorhandenen Ressourcen stärker auf profitable und wachstumsstarke Geschäftsfelder zu konzentrieren.

Dazu gehören Kapazitätsanpassungen und Personalmaßnahmen. Gleichzeitig sollen neue Geschäftsfelder mit attraktiven langfristigen Wachstumsperspektiven erschlossen werden.

Besonders interessant sind dabei die Bereiche Halbleiter, Energiegewinnung, Rüstung sowie Luft- und Raumfahrt.

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Kernenergie als Wachstumsmarkt

Ein besonders interessantes Zukunftsfeld ist die Kernenergie.

Der steigende Strombedarf durch Digitalisierung, Elektromobilität und den Ausbau von KI-Rechenzentren könnte langfristig zu einer Renaissance der Kernenergie führen. Gerade für Rechenzentren gewinnt eine zuverlässige und kontinuierliche Stromversorgung zunehmend an Bedeutung.

SGL Carbon möchte von dieser Entwicklung profitieren. Das Unternehmen liefert spezielle Graphitkomponenten, die in modernen Kernreaktoren benötigt werden.

Ein wichtiger Meilenstein war der Abschluss eines langfristigen Rahmenvertrags mit X-energy. Das Gesamtvolumen beträgt rund 100 Millionen €. Geliefert werden mittelkörnige Graphitelemente für sogenannte Small Modular Reactors (SMR), also kompakte modulare Kernreaktoren.

Noch ist dieser Geschäftsbereich relativ klein. Sollte sich der Markt für SMR jedoch wie erwartet entwickeln, könnte daraus langfristig ein bedeutender Wachstumstreiber werden.

Konzernumbau hinterlässt Spuren

Der laufende Transformationsprozess hinterlässt allerdings zunächst Spuren in den Geschäftszahlen.

Der Konzernumsatz reduzierte sich im ersten Halbjahr gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 13% auf 394,2 Millionen €. Einerseits fehlen Umsätze aus bereits auslaufenden Geschäftsbereichen. Andererseits ging auch im margenstarken Segment Process Technology die Nachfrage zurück.

Das bereinigte EBITDA reduzierte sich moderat von 72,5 auf 69,8 Millionen €. Die EBITDA-Marge verbesserte sich allerdings von 16 auf 17,7%.

Dabei ist jedoch ein wichtiger Punkt zu berücksichtigen: In den Zahlen ist eine Kompensationszahlung von 28,7 Millionen € enthalten. Das bereinigte EBITDA wurde dadurch entsprechend positiv beeinflusst.

Beim Periodenergebnis wurde aus einem Vorjahresverlust von 31,4 Millionen € ein Gewinn von 11,8 Millionen €. Auch hier sollte die positive Wirkung der Kompensationszahlung berücksichtigt werden.

Insgesamt sind die Geschäftszahlen daher solide, aber noch kein Beleg für einen nachhaltigen Gewinnsprung.

Andreas Klein, Vorstandsvorsitzender der SGL Carbon, erklärte:

SGL Carbon ist trotz des weiterhin herausfordernden Marktumfelds auf einem guten Weg, die Ziele für 2026 zu erreichen. Mit der Strategie „SGL Growth 2030“ soll das Unternehmen konsequent auf profitable und wachstumsstarke Zielmärkte ausgerichtet werden.

Prognose bestätigt

Trotz des Umsatz- und Ergebnisrückgangs bestätigte der Konzern seine Jahresziele.

Demnach wird für 2026 mit einem Umsatz von 720 bis 770 Millionen € gerechnet. Im Vorjahr waren es noch 850 Millionen €.

Beim bereinigten EBITDA wird nach 135 Millionen € im Vorjahr ein Wert zwischen 110 und 130 Millionen € erwartet.

Damit befindet sich SGL Carbon noch klar in der Übergangsphase.

Bewertung

Die entscheidende Frage ist daher weniger, wie die aktuellen Zahlen aussehen, sondern ob die Transformation erfolgreich umgesetzt wird.

Aus meiner Sicht ist die strategische Neuausrichtung grundsätzlich sinnvoll. SGL Carbon trennt sich von weniger attraktiven Geschäftsbereichen und konzentriert sich stärker auf Märkte mit strukturellem Wachstum. Dazu gehören insbesondere Halbleiter, Energiegewinnung, Verteidigung sowie Luft- und Raumfahrt.

Allerdings darf die Aktie deshalb nicht bereits wie ein erfolgreich transformierter Technologiekonzern bewertet werden. Noch befindet sich das Unternehmen mitten im Umbau. Die positiven Effekte der neuen Strategie dürften erst nach und nach sichtbar werden.

Bis dahin ist mit einem volatilen Kursverlauf zu rechnen. Als Nebenwert kann die Aktie zudem bei negativen Nachrichten überproportional reagieren.

SGL Carbon ist aus meiner Sicht eine interessante Turnaround-Spekulation, aber noch kein Investment, bei dem Anleger unter Zeitdruck stehen.

Kurzfristig ist kein nachhaltiger Kursanstieg zu erwarten. Für einen Neueinstieg würde ich weiterhin niedrigere Kurse abwarten. Im Bereich von 3,70 € sehe ich eine attraktive Einstiegsbasis.

Langfristig besitzt die Aktie jedoch deutlich mehr Potenzial. Sollte SGL Carbon die Transformation erfolgreich abschließen und die neuen Geschäftsfelder wie erwartet wachsen, halte ich mittelfristig Kurse von 5 € und mehr für realistisch.

Ergänzend dazu: Die Neubewertung von Silber als Rüstungsmetall schafft historische Chancen – unser Report „Rüstung – Megatrend im Rohstoffsektor“ zeigt ein Unternehmen, das damit vor einer massive Neubewertung steht.

ℹ SGL Carbon in Kürze

  • SGL Carbon (WKN: 723530) stellt Produkte aus Kohlenstoff und Grafit sowie glas- und kohlenstofffaserverstärkte Kunststoffe her.
  • Das 1992 entstandene Unternehmen mit Hauptsitz in Wiesbaden ist international ausgerichtet. Mit 29 Werken in Europa, Nordamerika und Asien sowie Niederlassungen ist es in über 100 Ländern tätig.
  • Das im SDAX gelistete Unternehmen wird aktuell mit etwa 495 Millionen € bewertet.

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