Die Ottobock-Aktie ist am Dienstagmorgen mit einem Kurseinbruch von -12% der große Verlierer unter den größeren deutschen Werten. Was steckt hinter dem drastischen Kurssturz des Prothesenherstellers und wie sollten Anleger darauf reagieren?

Schwere Anschuldigungen

Schuld am heutigen Einbruch der Ottobock-Aktie ist der bekannte Shortseller Grizzly Research. Der Leerverkäufer erhebt eine Reihe von schwerwiegenden Anschuldigungen gegen das Unternehmen, darunter Zweifel an der Qualität der Bilanzierung, Verschleierung von Russland-Geschäften und gefährliche Finanzkonstrukte des Mehrheitseigentümers. Der Reihe nach:

Kreative Buchführung

Der Shortseller wirft dem Medizintechnikkonzern vor, die tatsächliche operative Ertragskraft mittels der Kennzahl „Underlying Core EBITDA“ künstlich aufzublähen. Ottobock nutzt diese bereinigte Kennzahl, um die Profitabilität darzustellen. Grizzly argumentiert, dass diese Definition die tatsächliche, zugrunde liegende Geschäftsentwicklung stark verzerrt und schöner darstellt, als sie ist.

Außerdem kritisiert Grizzly die Bilanzierungspraxis von Forschungs- und Entwicklungsausgaben. Ottobock weise im Verhältnis zur Bilanzsumme deutlich höhere aktivierte Entwicklungskosten aus als direkte Konkurrenten wie Embla Medical. Wenn Ausgaben aktiviert (also als Vermögenswert in die Bilanz geschrieben) statt direkt als Aufwand verbucht werden, schönt dies den aktuellen Gewinn.

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Geschäfte in Russland

Darüber hinaus wirft Grizzly Research Ottobock vor, trotz des Ukraine-Kriegs und der bestehenden Sanktionen in erheblichem Maße weiterhin vom Russland-Geschäft zu profitieren und dieses zu verschleiern. Nach Berechnungen von Grizzly machte das Russland-Geschäft im ersten Halbjahr 2025 schätzungsweise fast 9% des Konzernumsatzes aus. Der Shortseller behauptet, dass das Russland-Geschäft aufgrund extrem hoher Margen sogar für rund 35% des gesamten Konzerngewinns im Jahr 2025 verantwortlich sein könnte.

Grizzly kritisiert, dass Ottobock im Geschäftsbericht 2025 gezielt die regionale Berichterstattung verändert habe. Damit habe das Unternehmen versucht, die anhaltende Relevanz des russischen Marktes vor den Augen der Anleger zu verbergen.

Der schwerwiegendste moralische Vorwurf lautet, dass Ottobock die russische Kriegspropaganda aktiv unterstütze. Grizzly behauptet, das Unternehmen agiere bei den vorgeschriebenen Prüfungen zur potenziellen militärischen Nutzung seiner Produkte zu nachsichtig. Russische Medien hätten bereits öffentlich über Soldaten berichtet, die mit Ottobock-Prothesen ausgestattet wurden.

Gefährliche Finanzkonstrukte

Und nicht zuletzt nimmt Grizzly in seinem Bericht auch den Ottobock-Mehrheitseigentümer Hans Georg Näder ins Visier. Grizzly behauptet, Näder habe seine verbleibenden Aktienanteile für Kredite (Margin Loans) verpfändet.

Da das Unternehmen beim Börsengang Ende 2025 laut Grizzly ohnehin drastisch überbewertet wurde, drohe bei einem anhaltenden Kurssturz unter die Marke von rund 38,60 Euro ein Margin Call (also eine Nachschusspflicht für kreditbesicherte Aktien), was verheerende Folgen für die restlichen Aktionäre hätte.

Kurs auf das Allzeittief?

Durch den heutigen Kurssturz kommt die Ottobock-Aktie ihrem Ende März aufgestellten Allzeittief bei 47 € recht nahe. Der Support bei 52 € muss nun unbedingt halten. Charttechnisch ist der SDAX-Titel stark angeschlagen.

Eine krasse Übertreibung

Ich halte die Kursreaktion der Ottobock-Aktie auf die Shortseller-Vorwürfe von Grizzly für eine krasse Übertreibung. Wollen wir mal die Kirche im Dorf lassen: Das Interesse des Leerverkäufers liegt einzig und alleine darin, den Kurs des Prothetikunternehmens in den Keller zu schicken, um damit selbst Gewinn zu machen.

Ottobock ist seit über einem halben Jahr an der Börse und wird von zahlreichen Bankanalysten gecovered. Bislang sind mir keine Berichte zu Ohren gekommen, in denen Banken die Bilanzierungspraktiken des Unternehmens bemängeln. Würde es diesbezüglich Probleme geben, wären diese meiner Überzeugung nach schon längst aufgefallen.

Der Vorwürfe in Bezug auf die Russland-Geschäfte wirkt für mich ein wenig an den Haaren herbeigezogen. Es gibt keine Sanktionen der EU gegenüber Russland bei medizintechnischen Produkten. Ottobock darf also völlig legal seine Prothesen, Orthesen und Rollstühle nach Russland verkaufen. Dass im Ukraine-Krieg verwundete russische Soldaten damit versorgt werden, ist demnach völlig legal und auch moralisch nicht verwerflich.

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Den Vorwurf in Bezug auf die Finanzierungskonstrukte von Hans Georg Näder kann ich als Externer nicht beurteilen. Aber auch dieser wirkt für mich etwas konstruiert.

Die Ottobock-Aktie ist nach wie vor einen Kauf wert. Das Forward-KGV (2027) von 18 ist für ein so exzellent positioniertes und wachsendes Unternehmen nicht zu noch. Anleger sollten den Kurseinbruch für einen Einstieg nutzen.

ℹ Ottobock in Kürze

  • Ottobock (WKN: BCK222) mit Sitz im niedersächsischen Duderstadt ist ein 1919 gegründetes deutsches Orthopädietechnikunternehmen.
  • Das Unternehmen ist Weltmarktführer im Bereich Prothetik und als einer der führenden Anbieter in der Orthetik, im Rollstuhlbereich sowie bei Exoskeletten.
  • Mehrheitseigentümer des Unternehmens ist die Familienholding Näder, den direkten Nachfahren des Firmengründers Otto Bock.
  • Ottobock ist seit Oktober 2025 an der Frankfurter Börse gelistet, Mitglied im SDAX und ca. 3,4 Milliarden € wert.

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