Joby Aviation will nicht länger ausschließlich auf den Durchbruch elektrischer Lufttaxis warten. Mit der geplanten Übernahme des US-Verteidigungstechnologieunternehmens Resonant Sciences für rund 500 Millionen US-Dollar setzt der Flugtaxi-Pionier auf ein bereits etabliertes und profitables Geschäftsfeld. Der Schritt könnte Jobys Umsatzbasis nahezu verdoppeln, kostet das Unternehmen allerdings einen erheblichen Teil seiner verfügbaren Liquidität.
Resonant bringt mehr als 100 Millionen Dollar Umsatz mit
Joby hatte die Resonant-Übernahme am 11. August angekündigt. Rund 450 Millionen Dollar sollen in bar fließen, weitere 50 Millionen Dollar werden in Joby-Aktien bezahlt. Resonant Sciences mit Sitz in Dayton im US-Bundesstaat Ohio entwickelt Hochfrequenz- und Missionssysteme für Kunden aus dem Bereich der nationalen Sicherheit. Zum Portfolio gehören unter anderem Technologien zur geringen Erkennbarkeit, die militärischen Plattformen dabei helfen, ihre Umgebung zu erfassen und selbst schwerer entdeckt zu werden.
Für Joby ist vor allem die finanzielle Dimension interessant. Resonant erzielte in den vergangenen zwölf Monaten mehr als 100 Millionen Dollar Umsatz und steigerte diesen Wert gegenüber dem Vorjahreszeitraum um rund 40 Prozent. Gleichzeitig erwirtschaftet das Unternehmen auf bereinigter Basis ein positives Ergebnis vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Amortisationen. Auch die Auftragseingänge entwickeln sich dynamisch: Im ersten Halbjahr 2026 verbuchte Resonant mehr als dreimal so viel neues Geschäft wie im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Der Auftragsbestand hat sich binnen eines Jahres mehr als verdoppelt.
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Resonant ist fast so groß wie Jobys gesamtes Jahresgeschäft
Die Größenordnung der Übernahme wird besonders deutlich im Vergleich mit Jobys eigenem Geschäft. Das Unternehmen rechnet für 2026 mit einem Umsatz zwischen 115 und 125 Millionen Dollar. Damit liegt der Umsatz von Resonant auf Zwölfmonatsbasis bereits fast auf dem Niveau dessen, was Joby für das gesamte laufende Jahr erwartet.
Allerdings ist die Übernahme noch nicht abgeschlossen. Der Vollzug wird erst im ersten Halbjahr 2027 erwartet und steht unter dem Vorbehalt der erforderlichen regulatorischen Prüfungen. Die Geschäftszahlen von Resonant sind deshalb bislang nicht in den veröffentlichten Kennzahlen von Joby enthalten.
Die Übernahme kostet einen erheblichen Teil der Cash-Reserven
Finanziell kann Joby den Kauf nach derzeitiger Lage stemmen. Ende Juni verfügte das Unternehmen über rund 2,3 Milliarden Dollar an Barmitteln und kurzfristigen Anlagen. Gleichzeitig rechnet das Management allein für die zweite Jahreshälfte 2026 mit einem Mittelabfluss von 385 bis 415 Millionen Dollar.
Zusammen mit den rund 450 Millionen Dollar für Resonant wird damit ein erheblicher Teil der vorhandenen Liquidität gebunden. Die Finanzierung ist zudem nicht aus einem bereits profitablen operativen Geschäft möglich. Joby hatte im Februar rund 576 Millionen Dollar Nettoerlös aus einer Aktienemission erzielt und weitere 670 Millionen Dollar über die Ausgabe wandelbarer Schuldverschreibungen eingenommen. Ein beträchtlicher Teil des nun eingesetzten Kapitals stammt somit aus der Finanzierung durch Investoren.
Zusätzlichen finanziellen Spielraum hat Joby sich im August mit einem neuen Aktienverkaufsprogramm von bis zu 750 Millionen Dollar verschafft. Während die 50 Millionen Dollar in Aktien für die Resonant-Übernahme den bestehenden Aktienbestand nur geringfügig verwässern dürften, könnte ein umfangreicherer Einsatz des neuen Verkaufsprogramms für Aktionäre deutlich relevanter werden.
Das eigentliche Lufttaxi-Geschäft steht noch am Anfang
Trotz der strategischen Erweiterung bleibt Joby in erster Linie eine Wette auf elektrische Lufttaxis. Derzeit stammt allerdings kaum Umsatz aus diesem Kerngeschäft. Im zweiten Quartal 2026 erwirtschaftete Joby insgesamt 38,6 Millionen Dollar. Davon entfielen 36,2 Millionen Dollar auf Passagierflüge, die über Blade gebucht wurden – das Passagiergeschäft hatte Joby im August 2025 übernommen.
Die Umsätze stiegen gegenüber dem ersten Quartal von rund 24 Millionen Dollar, wobei das Geschäft saisonal von einer starken Nachfrage in den Sommermonaten profitiert. Die Jahresprognose von 115 bis 125 Millionen Dollar deutet jedoch nicht auf eine starke Beschleunigung im zweiten Halbjahr hin.
Die elektrischen Lufttaxis selbst liefern dagegen bislang noch keine nennenswerten Erlöse. Joby meldete im August zwar den bislang stärksten Quartalsfortschritt in der fünften und letzten Phase der FAA-Zertifizierung. Der entscheidende Schritt zum kommerziellen Betrieb steht jedoch noch aus. Das Unternehmen hält weiterhin daran fest, noch vor Ende 2026 erste Passagiere zu befördern. Erste Flüge im Rahmen eines Bundesprogramms sollen bereits im September in Texas stattfinden.
Hohe Bewertung trifft auf hohe Erwartungen
An der Börse zeigt sich, wie viel Zukunft bereits im Joby-Kurs eingepreist ist. Die Aktie notiert aktuell bei rund 6,87 Dollar und damit nahe ihrem 52-Wochen-Tief von 6,61 Dollar. Vom Jahreshoch von knapp 20 Dollar hat das Papier rund zwei Drittel verloren. Die Marktkapitalisierung liegt dennoch bei etwa 6,8 Milliarden Dollar.
Gemessen am erwarteten Umsatz für 2026 entspricht das einer Bewertung von mehr als dem 50-Fachen des prognostizierten Jahresumsatzes. Resonant wird dagegen für weniger als das Fünffache seines Umsatzes der vergangenen zwölf Monate übernommen. Angesichts des Umsatzwachstums von rund 40 Prozent und der positiven bereinigten EBITDA-Entwicklung erscheint der Kaufpreis für das Verteidigungsunternehmen vergleichsweise moderat.
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Die Übernahme reduziert ein Risiko – beseitigt es aber nicht
Strategisch könnte sich Resonant für Joby als wichtige Absicherung erweisen. Das Verteidigungsgeschäft verfügt bereits über Kunden, Umsätze, Aufträge und operative Ertragskraft. Sollte die Markteinführung der Lufttaxis länger dauern als erwartet, hätte Joby damit ein zweites Standbein, das unabhängig vom kommerziellen Durchbruch der Flugtaxis weiter wachsen könnte.
Gleichzeitig verändert die Akquisition den zentralen Charakter der Aktie nicht. Anleger bewerten Joby weiterhin vor allem nach dem Potenzial des elektrischen Lufttaxiverkehrs. Die entscheidenden Meilensteine bleiben daher die FAA-Zertifizierung, die Aufnahme des Passagierbetriebs und letztlich der Nachweis, dass sich aus den Flugtaxis ein skalierbares und wirtschaftlich tragfähiges Geschäft entwickeln lässt.
Die Resonant-Übernahme ist für Joby Aviation mehr als eine gewöhnliche Akquisition: Sie verschafft dem Unternehmen auf einen Schlag eine deutlich größere Umsatzbasis und ein bereits profitables Geschäft im Verteidigungssektor. Der Preis dafür ist allerdings hoch, denn rund 450 Millionen Dollar der knappen Cash-Ressourcen fließen in einen Kauf, während Joby im Lufttaxigeschäft weiterhin erhebliche operative und regulatorische Risiken trägt.
Für Anleger bleibt Joby eine Zukunftswette: Gelingt der Start des kommerziellen Lufttaxiverkehrs und sinkt zugleich der Cash-Verbrauch, könnte die Kombination aus Luftfahrt und Verteidigungstechnologie an Attraktivität gewinnen. Verzögert sich die Zertifizierung jedoch weiter, bleiben die Risiken trotz der mittlerweile deutlich günstiger gewordenen Bewertung hoch.
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