Eurotunnel: Wieso die „Brexit-Aktie” steigt und steigt!

In Westminster herrscht pures Chaos und „Experten“ warnen vor regelrechten Untergangsszenarien. Trotzdem kennt der Kurs der einen Aktie, die wie keine zweite mit Großbritanniens Integration in das EU-Projekt in Verbindung gebracht wird, dieser Tage nur eine Richtung: nach oben.

Im Oktober hatte ich Sie auf die Aktie von Getlink SA (FR0010533075) hingewiesen, den in Paris notierten Betreiber des Eurotunnel. Wie ich damals relativ ausführlich analysierte, war das Papier deutlich unterbewertet. Sie können die Kolumne „Signifikant unterbewertet? Der Eurotunnel – und was uns der Aktienkurs über Brexit verrät“ in unserem Archiv nochmals nachlesen.

Seither ist die Aktie von EUR 11,10 auf nunmehr EUR 13,38 gestiegen, ein Wertzuwachs von 19% in vier Monaten. Der britische FTSE 100 Index legte im gleichen Zeitraum nur um 3% zu, der französische CAC-40 Index schaffte nur 7% Zuwachs. Die Aktie notierte mittlerweile sogar in greifbarer Nähe ihres Zehn-Jahre-Hochs von EUR 14,43.

Wie ist dies nur möglich, stehen Großbritannien und die Grenzübergänge zu Kontinentaleuropa doch angeblich unmittelbar vor dem größten Chaos der letzten Jahrzehnte?

Die Unternehmensleitung sieht diese Dinge alle ganz anders

Getlink ist ein Paradebeispiel dafür, welche Differenzen bestehen können zwischen der Einschätzung von Politikern und anderen „Experten“ auf der einen Seite, und privaten Unternehmen auf der anderen Seite.

Die jüngste Investorenpräsentation von Getlink, die ich Brexit-interessierten Lesern als Lektüre nur empfehlen kann, beschäftigt sich ausführlich mit dem Thema.

Wird es am Eurotunnel zu chaotischen Szenen kommen, falls sich die britische Regierung nicht mit der EU auf einen Deal einigen kann? Das Management von Getlink hat für die Analyse dieser Risiken sage und schreibe 500 Meetings und Events mit Regierungsvertretern besucht. Die überraschende Einschätzung: Im Falle eines „No Deals“ würde es „geringfügige“ Einschnitte im operativen Geschäft geben, aber keine Veränderung der jährlichen Passagierzahl. Das Unternehmen geht auch davon aus, dass sich die notwendigen Veränderungen in den Grenzkontrollen relativ schnell umsetzen ließen.

Die Unternehmensleitung hofft zwar darauf, dass es ein Abkommen zum geregelten Austritt gibt. Allerdings kam die umfangreiche Analyse des Themas zu einigen interessanten Schlüssen. So stellte sich heraus, dass historisch betrachtet zwei Drittel des gesamten Verkehrs im Eurotunnel völlig unabhängig vom Wechselkurs zwischen Euro und Pfund sind.

Getlink hat auch bereits quantifiziert, was die Einmalkosten des Austritts sein werden. Im Falle eines geregelten Austritts dürfte es 2019 zu einer Umsatzeinbuße von 1% kommen, im Falle eines „No Deals“ wäre eine Umsatzeinbuße von 2% bis 2,5% zu erwarten. Der Wert liegt sicher nicht bei 0%, allerdings ist doch aber auch kein Beinbruch zu erwarten. Das Brexit-Event würde somit nur eine kleine Delle in einem langfristigen Aufwärtstrend darstellen. Zudem bestehen für einmalige Kosten längst entsprechende Rückstellungen.

Die Börse als Antizipations-Mechanismus

Die unsichtbare Hand des Marktes ist der Realität fast immer eine Nasenlänge voraus.

Börsianer auf beiden Seiten des Kanals haben längst realisiert, dass Getlink von einer Reihe langfristiger Trends profitiert:

Im Zeitalter des E-Commerce gibt es eine jährlich wachsende Nachfrage nach schnellen, zuverlässigen Frachtdienstleistungen. Immer mehr anspruchsvolle Reisende bevorzugen Hochgeschwindigkeitszüge, um direkt ins Zentrum großer Metropolen zu reisen, anstatt Flughäfen vor den Toren der Städte zu nutzen. Im Jahr 2020 wird Getlink nach vielen Jahren Vorbereitungszeit ein neues Stromkabel in Betrieb nehmen, das durch den Kanal von Großbritannien nach Frankreich gelegt wurde. Durch das neue Kabel, das mit unter-seeischen Kabeln um den Zuschlag für die Betreiberlizenz konkurrierte, kann Strom von einem Land ins Nachbarland verkauft werden. Hieraus winken saftige Sondereinnahmen. Durch die fortlaufende Rückzahlung von Schulden reduziert sich die Zinslast des Unternehmens. Die Dividende wurde denn auch gerade erwartungsgemäß angehoben, und sogar noch etwas mehr als von mir damals erwartet.

Wie es so schön heißt: „Politische Börsen haben kurze Beine.”

In meinem Bericht von Oktober 2018 wies ich auch auf einen wenig bekannten Aspekt hin, der Getlink wesentlich attraktiver macht als so manch anderes Infrastrukturinvestment. Im Rahmen einer Umstrukturierung von Schulden wurde die Betreiberlizenz des Unternehmens vor einigen Jahren weitgehend unbemerkt von 2042 auf 2086 verlängert. Das ist eine für derartige Unternehmen ungewöhnlich lange Lizenz. Die Aktie ist damit ein um so solideres Langfristinvestment, was insbesondere Institutionen wie Pensionsfonds lockt.

Zudem glaubt die Börse einfach nicht an die Weltuntergangsszenarien, die derzeit wieder einmal von Westminster, Think Tanks und Medienstimmen verbreitet werden. Stattdessen fokussiert sich der Markt bereits auf die glänzenden Ertragsaussichten, die das Unternehmen in hauseigenen Vorhersagen für die Zeit bis 2022 kommuniziert hat. Auch an diesen Prognosen hat das Management trotz der Brexit-Holpereien nichts verändert.

Aufgepasst und zugefasst: In Kürze erscheint mein nächster Research-Report

Weil mein eigenes Abstauberlimit für Getlink zu niedrig war, verpasste ich diese Gelegenheit. Allerdings bin ich seit jeher der Auffassung, dass es wichtiger ist, einen günstigen Einstiegskurs zu erwischen, als hektisch der jüngsten Anlageidee hinterher zu laufen.

Schließlich gibt es weltweit über 50.000 börsennotierte Aktien, so dass sich immer wieder neue Opportunitäten ergeben.

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Ein Beitrag von Swen Lorenz.

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