Blickt man derzeit auf deutsche Softwareaktien, könnte man meinen, der Markt habe seine Lieblinge plötzlich verstoßen. Ausgerechnet SAP (WKN: 716460) und Nemetschek (WKN: 645290), zwei der erfolgreichsten europäischen Softwareunternehmen, stehen unter Druck.

Der Grund dafür klingt zunächst plausibel: Künstliche Intelligenz könnte etablierte Softwarelösungen disruptieren und bisherige Geschäftsmodelle angreifen. Doch genau hier könnte sich für langfristige Anleger eine spannende Chance eröffnen – sofern die Burggräben halten. Die Bewertungen sind historisch niedrig.

Warum Anleger bei SAP und Nemetschek plötzlich Angst vor KI haben

Dem jüngsten Ausverkauf bei Softwarewerten liegt ein einfaches Narrativ zugrunde: Wenn KI immer mehr Aufgaben automatisiert, könnten klassische Unternehmenssoftware und spezialisierte Planungsprogramme an Bedeutung verlieren. Genau diese Sorge belastet derzeit sowohl SAP als auch Nemetschek.

Marktbeobachter diskutieren dabei zunehmend die Frage, ob intelligente Assistenten künftig Teile heutiger Softwareoberflächen ersetzen könnten. Entsprechend sind die Bewertungen vieler Softwareunternehmen deutlich zurückgegangen. SAP gibt es zum 2027er-KGV von 15, Nemetschek für 19.

Dabei ist SAP weit mehr als eine gewöhnliche Softwarefirma. Mit seinen ERP-Systemen steuert das Unternehmen zentrale Geschäftsprozesse von Konzernen rund um den Globus – von Einkauf und Produktion bis zur Buchhaltung. Wer einmal SAP tief in seine Prozesse integriert hat, bleibt. Die Wechselkosten sind enorm und bilden damit einen der stärksten Burggräben der europäischen Technologiewelt.

Auch Nemetschek verfügt über einen bemerkenswerten Schutzwall. Das Unternehmen mit Sitz in München entwickelt Software für Architekten, Ingenieure und Bauunternehmen. Programme wie die der Nemetschek-Gruppe sind tief in Planungs- und Bauprozesse eingebettet. Nutzer investieren oft Jahre in Schulungen, Datenmodelle und Arbeitsabläufe. Das schafft eine hohe Kundenbindung.

Der entscheidende Punkt ist: KI muss diese Unternehmen nicht zerstören. Sie kann ihre Produkte sogar wertvoller machen. SAP integriert KI bereits in Geschäftsprozesse, um Analysen, Planung und Automatisierung zu verbessern.

Nemetschek wiederum kann mithilfe von KI Entwürfe beschleunigen, Fehler reduzieren und Planungsprozesse effizienter gestalten. Anstatt verdrängt zu werden, könnten beide Unternehmen zu wichtigen Infrastruktur-Anbietern der KI-Ära werden.

Ausverkauf oder seltene Kaufchance?

Selbstverständlich bestehen Risiken. Sollte KI tatsächlich neue Softwarestandards schaffen, müssten sich auch SAP und Nemetschek anpassen. Der Markt scheint derzeit jedoch vor allem die Gefahren zu sehen und die vorhandenen Burggräben zu unterschätzen.

Für langfristig orientierte Anleger könnte genau das interessant sein. Starke Marktpositionen, hohe Wechselkosten und die Fähigkeit, KI in bestehende Produkte zu integrieren, sind nämlich Eigenschaften, die langfristig oft mehr wert sind als die aktuelle Marktangst. Vielleicht werden SAP und Nemetschek also nicht trotz, sondern wegen ihrer Chancen durch KI unterschätzt.

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