Die Aktie von Bristol-Myers Squibb steht seit Jahren unter dem Eindruck auslaufender Blockbuster-Medikamente und drohender Patentverluste. Doch die jüngsten Geschäftszahlen zeigen ein Unternehmen, dessen Wachstumstreiber inzwischen die Führung übernommen haben – eine Entwicklung, die sich nach Ansicht vieler Anleger bislang nicht ausreichend im Aktienkurs widerspiegelt.
Neue Wachstumsbasis übernimmt die Führung
Über Jahre dominierte an der Börse die Sorge, dass der Umsatzrückgang des Krebsmedikaments Revlimid und künftig auch Eliquis die Geschäftsentwicklung nachhaltig belasten würde. Diese Einschätzung war lange nachvollziehbar. Die Zahlen des ersten Quartals 2026 deuten jedoch darauf hin, dass sich die Struktur des Unternehmens grundlegend verändert hat.
Erstmals in der jüngeren Unternehmensgeschichte erzielte das Wachstumsportfolio mit 6,2 Milliarden US-Dollar mehr Umsatz als das traditionelle Geschäft mit 5,3 Milliarden US-Dollar. Noch ein Jahr zuvor lagen beide Bereiche mit jeweils rund 5,6 Milliarden US-Dollar nahezu gleichauf. Damit ist die lange erwartete Ablösung des Altgeschäfts durch neue Produkte bereits Realität geworden.
Der Konzernumsatz stieg im ersten Quartal um drei Prozent auf 11,5 Milliarden US-Dollar. Hinter dieser Entwicklung stehen jedoch zwei gegenläufige Trends. Während das Wachstumsportfolio um zwölf Prozent zulegte, schrumpfte das traditionelle Geschäft um sechs Prozent. Gleichzeitig erwartet das Management für das Altportfolio im Gesamtjahr einen weiteren Rückgang zwischen zwölf und 16 Prozent. Dadurch dürfte sich der Abstand zwischen beiden Segmenten in den kommenden Quartalen weiter vergrößern.
Breiter Produktmix sorgt für Stabilität
Anders als bei vielen etablierten Pharmakonzernen basiert das Wachstum nicht auf einem einzelnen Blockbuster. Mehrere Produkte tragen gleichzeitig zum Umsatzanstieg bei und befinden sich teilweise noch in frühen Phasen ihrer Markteinführung.
Diese breite Aufstellung reduziert die Abhängigkeit von einzelnen Medikamenten erheblich. Fällt ein Produkt hinter die Erwartungen zurück, wird die gesamte Wachstumsstrategie nicht automatisch infrage gestellt. Genau dieser Unterschied scheint in der aktuellen Bewertung des Unternehmens noch nicht vollständig berücksichtigt zu sein.
Der kritische Punkt der skeptischen Marktmeinung war nie die Wirksamkeit der neuen Medikamente. Vielmehr bestand die Sorge, dass deren Umsatzwachstum die Verluste durch Revlimid und künftig Eliquis nicht schnell genug ausgleichen könnte. Die Zahlen des ersten Quartals liefern nun erstmals deutliche Hinweise darauf, dass dieser Ausgleich tatsächlich gelingt.
Eine Reihe wichtiger Ereignisse rückt näher
Entscheidend für die weitere Kursentwicklung dürfte eine ungewöhnlich hohe Zahl bedeutender klinischer und regulatorischer Meilensteine im zweiten Halbjahr 2026 werden.
Besonders im Mittelpunkt steht Iberdomide. Das Medikament hat bereits den Zulassungsantrag bei der US-Arzneimittelbehörde FDA durchlaufen und erhielt sowohl den Status einer Breakthrough Therapy als auch eine beschleunigte Prüfung. Die Entscheidung wird für den 17. August erwartet.
Strategisch ist Iberdomide besonders interessant, weil es als Nachfolger jener Medikamentenklasse gilt, zu der auch Revlimid und Pomalyst gehören. Anstatt die schwindenden Erlöse dieses Therapiebereichs einfach zu verlieren, könnte Bristol-Myers Squibb sie durch ein klinisch überlegenes Nachfolgeprodukt ersetzen. Analystenschätzungen für den Spitzenumsatz reichen von einer bis fünf Milliarden US-Dollar.
Mezigdomide stärkt die Nachfolgegeneration
Auch Mezigdomide lieferte zuletzt überzeugende Studiendaten. Im ersten Quartal präsentierte das Unternehmen positive Ergebnisse einer Phase-III-Studie, die eine statistisch signifikante Verbesserung des progressionsfreien Überlebens zeigte.
Branchenanalysten rechnen bis 2031 mit einem Umsatzpotenzial von rund 1,5 Milliarden US-Dollar. Gemeinsam mit Iberdomide entsteht damit eine Produktfamilie, die mehrere Behandlungsstufen beim Multiplen Myelom abdecken könnte. Für Bristol-Myers Squibb wäre dies ein entscheidender Schritt, um die Erlösverluste früherer Generationen langfristig zu kompensieren.
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Milvexian könnte die Zukunft von Eliquis sichern
Noch größere Aufmerksamkeit genießt Milvexian. Das Medikament wird zur Vorbeugung von Schlaganfällen und zur Behandlung von Vorhofflimmern entwickelt und gilt als einer der wichtigsten Pipeline-Kandidaten des Konzerns.
Der Wirkstoff zielt auf Faktor XIa ab und soll die Blutgerinnung wirksam kontrollieren, ohne das Blutungsrisiko in gleichem Maße zu erhöhen wie bestehende Therapien. Genau hier liegt das kommerzielle Potenzial.
Der weltweite Markt für Vorhofflimmern und die sekundäre Schlaganfallprävention wird auf rund 14 Milliarden US-Dollar geschätzt und könnte bis 2033 auf etwa 27 Milliarden US-Dollar wachsen. Positive Studienergebnisse würden Bristol-Myers Squibb die Möglichkeit eröffnen, Eliquis langfristig durch ein eigenes Nachfolgeprodukt zu ersetzen. Damit würde aus einem befürchteten Patentablauf eine schrittweise Weiterentwicklung desselben Therapiebereichs.
Cobenfy adressiert einen bislang unversorgten Markt
Ein weiterer Hoffnungsträger ist Cobenfy. Das Medikament wird unter anderem zur Behandlung von Psychosen bei Alzheimer-Patienten untersucht.
Derzeit existiert in den USA keine zugelassene Therapie für diese Erkrankung. Die bislang eingesetzten Medikamente werden lediglich außerhalb ihrer eigentlichen Zulassung verwendet und sind mit erheblichen Sicherheitswarnungen verbunden.
Cobenfy verfolgt einen anderen Wirkmechanismus und könnte deshalb eine wichtige Versorgungslücke schließen. Analysten von JPMorgan trauen dem Präparat bis 2030 über sämtliche Anwendungsgebiete hinweg einen Jahresumsatz von rund fünf Milliarden US-Dollar zu.
Bereits im ersten Quartal 2026 stiegen die Erlöse aus der Markteinführung bei Schizophrenie auf 56 Millionen US-Dollar. Positive Studiendaten bei Alzheimer würden das kommerzielle Potenzial deutlich erweitern.
Die Bewertung spiegelt das neue Unternehmen nicht wider
Trotz dieser Entwicklungen wird Bristol-Myers Squibb weiterhin mit einem deutlichen Abschlag gegenüber vergleichbaren Pharmakonzernen gehandelt.
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der erwarteten Gewinne liegt bei etwa neun, während der Branchendurchschnitt bei rund 17,6 liegt. Auch beim Verhältnis von Unternehmenswert zu freiem Cashflow notiert die Aktie deutlich unter dem Sektorvergleich. Hinzu kommt eine Dividendenrendite von rund 4,6 Prozent.
Der Markt unterstellt damit weiterhin, dass die auslaufenden Patente die Ertragskraft dauerhaft beschädigen werden. Tatsächlich spiegeln die Konsensschätzungen der Analysten bereits einen deutlichen Umsatzrückgang infolge des Eliquis-Patentablaufs wider. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, warum die Bewertung niedrig ist, sondern ob diese pessimistische Entwicklung nicht längst vollständig eingepreist wurde.
Selbst konservative Modelle zeigen Potenzial
Auf Basis der aktuellen Analystenschätzungen und unter Annahme sinkender Cashflow-Margen ergibt sich in einem konservativen Bewertungsmodell ein Unternehmenswert, der deutlich über dem derzeitigen Börsenkurs liegt.
Selbst bei vorsichtigen Annahmen hinsichtlich Umsatzentwicklung, Diskontierungszins und langfristigem Wachstum errechnet sich ein fairer Wert von rund 68,50 US-Dollar je Aktie. Gegenüber einem Kurs von etwa 57 US-Dollar ergibt sich daraus ein Aufwärtspotenzial von rund 20 Prozent.
Bemerkenswert ist dabei, dass mögliche zusätzliche Erträge aus Kostensenkungsprogrammen oder erfolgreichen Pipelineprojekten in dieser Berechnung kaum berücksichtigt werden. Die Bewertung basiert weitgehend auf den bereits bekannten und eher vorsichtigen Markterwartungen.
Warum Eliquis weiterhin im Mittelpunkt steht
Trotz aller Fortschritte bleibt der Blutverdünner Eliquis das wichtigste Einzelprodukt des Konzerns. Im ersten Quartal stieg der Umsatz währungsbereinigt um 13 Prozent auf 4,1 Milliarden US-Dollar.
Allerdings belasten neue Preisregelungen in den USA sowie auslaufende Patente in Europa die langfristigen Aussichten. Diese Belastungen sind jedoch bereits Bestandteil der aktuellen Analystenschätzungen.
Entscheidend wird deshalb sein, ob Milvexian die Erwartungen erfüllen kann. Gelingt dies, könnte Bristol-Myers Squibb den Übergang von einer erfolgreichen Generation von Gerinnungshemmern zur nächsten aus eigener Kraft gestalten.
Welche Faktoren die Investmentthese gefährden könnten
Die größten Unsicherheiten liegen in den laufenden klinischen Studien. Sowohl Milvexian als auch Cobenfy befinden sich in entscheidenden Entwicklungsphasen, deren Ergebnisse maßgeblichen Einfluss auf die langfristigen Wachstumsaussichten haben werden.
Sollten beide Programme enttäuschen, würde ein wesentlicher Teil der erhofften Neubewertung ausbleiben. Gleichzeitig basiert die aktuelle Bewertung bereits auf eher zurückhaltenden Erwartungen, wodurch ein Teil dieses Risikos bereits im Aktienkurs berücksichtigt erscheint.
Bristol-Myers Squibb befindet sich in einer anderen Phase seiner Entwicklung, als es die aktuelle Bewertung vermuten lässt. Das Wachstumsgeschäft hat das traditionelle Portfolio bereits überholt, während mehrere wichtige Pipeline-Kandidaten in den kommenden Monaten über die zukünftige Ertragskraft des Konzerns entscheiden dürften.
Kurzfristig bleiben die anstehenden Studienergebnisse der wichtigste Kurstreiber. Gelingt bei mehreren Programmen der erwartete Fortschritt, dürfte die aktuelle Niedrig-Bewertung der Aktie zunehmend schwer zu rechtfertigen sein.
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