Die russische Invasion in die Ukraine hat zu heftigen Kursturbulenzen geführt. Besonders unter Druck stehen russische Energieaktien wie Gazprom. Hier kam es nach ohnehin schwacher Vorentwicklung zu einem regelrechten Absturz. Mutige wittern allerdings ein historisches Dividendenschnäppchen.

Dieser Donnerstag war ein schwarzer Tag für die Aktienmärkte. Besonders schwarz wurde es für Aktien der Russischen Föderation. Die Aktie des Erdgasförderunternehmens Gazprom (Ticker: OGZPY, ISIN: US3682872078, WKN: 903276) gaben um rund 30 Prozent nach. Am frühen Abend mitteleuropäischer Zeit notierte das ADR auf die Aktie bei lediglich 4,76 USD.

Gazprom Aktie verliert 30 %

Der Kurs des Mineralölunternehmens Rosneft (Ticker: OJSCY, ISIN: US67812M2070, WKN: A0J3N5) gab in der Spitze sogar um über 50 Prozent nach. Hart traf es auch russische Bankaktien. Der Kurs der Sberbank Aktie (Ticker: SBRCY, ISIN: US80585Y3080, WKN: A1JB8N) rauschte in der Spitze sogar um mehr als 70 Prozent in die Tiefe.

Die Ursache für den Kursrutsch ist schnell ausgemacht. EU und USA reagieren mit Sanktionen auf die Invasion in die Ukraine. Es handelt sich um Sanktionen, die sich auf das operative Geschäft der Unternehmen auswirken können. Ganz abgesehen davon werden russische Aktien heute mit einem höheren politischen Risikoabschlag gehandelt als noch gestern.

Die Liste der Sanktionen ist lang. Der Ausschluss Russlands aus dem internationalen Zahlungssystem Swift bleibt vorerst aus. Dafür werden Vermögen von russischen Banken im Westen eingefroren. Der Export bestimmter Technologiegüter nach Russland wird untersagt.

Zudem sollen weniger Öl, Kohle und Gas importiert werden, wenngleich es nicht zu einem vollständigen importstopp kommt (und Russland seinerseits auch keinen Exportstopp angekündigt hat). Nord Stream 2 liegt – womöglich für immer – auf Eis und beschert Gazprom damit zunächst einen begrenzten Abschreibungsverlust (den auch westliche Firmen mit Nord Stream 2 Bezug erleiden).

Sind russische Aktien jetzt ein Kauf?

Dennoch wird Gazprom absehbar weiter Gas nach Deutschland und Europa liefern. Ohne diese Lieferungen käme es wohl spätestens im nächsten Winter zu Versorgungsengpässen. Das Geschäftsmodell von Gazprom steht also weiter auf einer soliden Grundlage, wenngleich diese sich in einem unsicheren politischen Umfeld befindet.

Manche Schnäppchenjäger wittern nach den Kursverlusten eine einmalige Möglichkeit. Wer den politischen Kontext ausblendet und ausschließlich die Fundamentaldaten der Gazprom Aktie betrachtet, sieht geradezu surreal niedrige Multiplikatoren.

Bei einem Kurs von 4,76 USD wird für 2022 ein Ergebnis von 3,31 USD pro Aktie prognostiziert. Das KGV entspricht damit 1,43. Die Prognose stammt noch aus der Zeit vor der Invasion. Die Chancen stehen aus Sicht von Gazprom aber weiter gut, dass die Ziele erreicht werden. Schließlich profitiert das Unternehmen von den steigenden Preisen – und könnte diese bei zusätzlich zu fest vereinbarten Kontingenten gelieferten Mengen wohl auch teilweise durchsetzen. Auch zusätzliche Verkäufe an andere Abnehmer wie z.B. China sind denkbar.

Jedenfalls scheint der aktuelle Kurs nicht die tatsächlichen Ertragsperspektiven des Energieriesen widerzuspiegeln, auch wenn die Gewinnerwartungen für die Folgejahre unabhängig von der aktuellen Situation niedriger angesetzt werden.

Gazprom Aktionäre können sich 2022 voraussichtlich über eine Dividende von 1,62 USD pro Aktie freuen. Die Dividendenrendite läge damit weit über 30 % – bei einer seit Jahren  defensiven Ausschüttungspolitik.

Fakt ist: Gazprom ist derzeit sicherlich eine politisch belastete Energieaktie. Es ist jedoch auch eine der günstigsten Gasaktien weltweit  – und das in einem Umfeld global steigender Gaspreise.

Ähnlich sind die Verhältnisse bei der Rosnet Aktie gelagert. Bei einem Kurs von 2,76 USD wird für 2022 ein Ergebnis pro Aktie von 1,85 USD erwartet. Dies entspricht bei allen Unwägbarkeiten einem KGV von 1,50. Die Dividendenrendite auf Basis der letzten Prognose liegt bei knapp 32 Prozent.

Was passiert bei einem Ausschluss aus dem Finanzsystem?

Die aktuellen Bewertungen könnten eine historische Einstiegschance markieren. Sie sind jedoch auch mit einem Wagnis verbunden. Zu den größten Unwägbarkeiten gehört eine Verschärfung der Sanktionen. Insbesondere ein Ausschluss Russlands aus dem Zahlungssystem Swift könnte auch Gazprom und Co. treffen. Unklar wäre in einem solchen Fall etwa, wie die Gaslieferungen bezahlt werden sollten. Mögliche Swift-Alternativen stünden vermutlich ebenfalls auf der Sanktionsliste.

Ein Swift Ausschluss könnte allerdings nicht nur Gazprom und Rosneft von ausländischen Zahlungen nach Russland abschneiden. Auch Zahlungen der russischen Unternehmen an ihre ausländischen Aktionäre wären möglicherweise gefährdet. Die meisten deutschen Privatanleger investieren technisch gesehen nicht direkt in Aktien, sondern in Hinterlegungsscheine (American Depositary Receipt, ADR). Ein Ausschluss aus Swift könnte den Handel ebenso erschweren wie Dividendenzahlungen.

Bislang konzentrieren sich die finanzmarktbezogenen Sanktionen allerdings vorwiegend auf russische Staatsanleihen.