In einem bemerkenswerten Beweis seiner Widerstandsfähigkeit hat der britische Aktienmarkt beispiellose Dividendenausschüttungen getätigt und im zweiten Quartal dieses Jahres 36,7 Milliarden Pfund erreicht. Dieser Anstieg von 11,2 % gegenüber dem Vorjahr unterstreicht die Stärke und Attraktivität des Marktes für einkommensorientierte Anleger.

Es bleibt jedoch die Frage: Kann dieses beeindruckende Wachstum aufrechterhalten werden?

Sonderdividenden treiben Aufschwung voran

Die Rekorddividendenausschüttungen waren maßgeblich durch einmalige Sonderdividenden beeinflusst, wie der vierteljährliche Dividendenmonitor von Computershare zeigt.

Ohne diese Sonderdividenden beträgt die zugrunde liegende Wachstumsrate bescheidene 1,0 %, wobei die regulären Ausschüttungen mit 32,5 Milliarden Pfund einen neuen Höchststand erreichen.

Dieses Wachstum fällt mit dem Erreichen neuer Höchststände des FTSE 100 zusammen, auch wenn er noch immer hinter seinen US-amerikanischen und globalen Pendants zurückbleibt.

Seit 2016 kam es bei britischen Aktienfonds zu Mittelabflüssen von fast 55 Milliarden Pfund, da die Anleger anderswo nach besseren Anlagemöglichkeiten suchen.

Dies gibt Anlass zur Sorge hinsichtlich der Nachhaltigkeit und künftigen Entwicklung der Bewertungen Großbritanniens im globalen Kontext.

Branchenspezifische Treiber des Dividendenwachstums

Zum Anstieg der Dividenden in Großbritannien tragen mehrere Faktoren bei. Dazu gehört auch eine gesündere Wirtschaft, in der die Löhne höher steigen als die Preise, was zu erhöhten Verbraucherausgaben und höheren Unternehmensgewinnen führt.

Mark Cleland, CEO von Issuer Services bei Computershare, stellt fest, dass die meisten Sektoren höhere Gewinne sowie erhöhte Dividenden und Aktienrückkäufe gemeldet haben.

Besonders einflussreich waren dabei die Bankaktien, die im Jahr 2023 aufgrund höherer Zinsen Rekordgewinne einfahren sollten.

So kündigte HSBC beispielsweise nach dem Verkauf seiner kanadischen Niederlassung eine Sonderdividende von 16,7 Pence pro Aktie an, was die Quartalszahlen deutlich beeinflusste.

Auch der Gesundheitssektor leistete einen erheblichen Beitrag, mit starken Leistungen von Unternehmen wie Haleon und GlaxoSmithKline.

Zu den weiteren Wachstumssektoren zählen Versicherungen, Immobilien, Industrie und Lebensmitteleinzelhandel, während die hohen Ölpreise zu leicht steigenden Dividenden der großen Ölkonzerne geführt haben.

Der Wohnungsbausektor hingegen hat aufgrund der hohen Zinsen zu kämpfen, obwohl angesichts sinkender Zinsen und staatlicher Initiativen für mehr Bautätigkeit weiterhin Optimismus hinsichtlich einer Erholung besteht. Auch der Bergbausektor hat das Dividendenwachstum insgesamt gebremst und musste im Vergleich zum Vorjahr erhebliche Kürzungen hinnehmen.

Zukünftige Aussichten für Dividenden in Großbritannien

Für die Zukunft ist mit einer Verlangsamung des Dividendenwachstums zu rechnen, vor allem aufgrund des anhaltenden Drucks im Bergbausektor. Glencores unerwartet starke Dividendenkürzung im dritten Quartal ist ein Beispiel für diesen Trend.

Infolgedessen hat Computershare seine Dividendenwachstumsprognose für das Gesamtjahr von 1,5 % auf nur noch 0,1 % gesenkt und prognostiziert für das Jahr 2024 reguläre Dividendenausschüttungen von insgesamt 88,2 Milliarden Pfund.

Ohne den Bergbausektor könnte der britische Markt ein zweistelliges Wachstum verzeichnen. Auch andere Faktoren wie mögliche Zinssenkungen könnten die Dividendenlandschaft beeinflussen.

Niedrigere Zinssätze könnten den Druck auf die Unternehmen verringern, weiterhin hohe Dividendenrenditen zu erzielen, sodass mehr Mittel für Wachstum und Expansion zur Verfügung stehen könnten.

Bewertung des britischen Marktes für Einkommensinvestoren

Trotz der erwarteten Verlangsamung des Dividendenwachstums bleibt der britische Markt für einkommensorientierte Anleger attraktiv.

Die aktuelle Rendite des FTSE 100 von etwa 3,6 Prozent ist im Vergleich zu den 1,3 Prozent des S&P 500 günstig und unterstreicht das Ertragspotenzial des britischen Marktes.

Zu dieser Diskrepanz tragen mehrere Faktoren bei, darunter die relativ niedrige Bewertung britischer Aktien und ihre Konzentration auf reife Branchen wie den Finanz- und Rohstoffsektor.

Im Gegensatz dazu führt die starke Technologieorientierung des US-Marktes häufig dazu, dass Unternehmen überschüssiges Kapital reinvestieren, anstatt Dividenden auszuschütten.

Anleger sollten die Gesamtrendite berücksichtigen, nicht nur das Einkommenspotenzial. Das Wachstum des S&P 500 von über 16 % seit Jahresbeginn übertrifft den Zuwachs des FTSE 100 von 5,5 % deutlich.

Obwohl der britische Markt unterbewertet erscheint, bleibt seine zukünftige Entwicklung ungewiss. Ein diversifizierter Anlageansatz über verschiedene Regionen hinweg kann die beste Strategie sein, um Erträge und Wachstumspotenzial ins Gleichgewicht zu bringen.

The post Britische Dividendenausschüttungen erreichen im zweiten Quartal Rekordhöhe von 36,7 Milliarden Pfund: Kann das so bleiben? appeared first on Invezz