Es sind keine guten Tage für die Novartis-Aktie. Nachdem der Schweizer Pharmariese am vergangenen Donnerstag an seinem Allzeithoch gescheitert war, ging es am Freitag und Montag in Summe um knapp -5% bergab. Und am Dienstagmorgen schockiert Novartis die Börse mit einem ungewohnt hohen Kurseinbruch von -10%. Was ist da los und können Anleger hier nun ein Schnäppchen machen?
Vier negative Ereignisse
Es ist eine Kombination aus gleich vier negativen Ereignissen, die den Kurs der Novartis-Aktie dieser Tage in den Kurskeller zieht: das unerwartete Scheitern der Hoffnungsträger Pelacarsen und Del-desiran in Phase-3-Studien, Sicherheitsbedenken in der Zelltherapie-Pipeline und ein unerwarteter Rechtsentscheid. Der Reihe nach:
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Der erste Fehlschlag
Der Hauptauslöser für den jüngsten Verkaufsdruck auf die Novartis-Aktie ist der Fehlschlag der zulassungsrelevanten Phase-III-Studie Lp(a)HORIZON mit dem Wirkstoff Pelacarsen (entwickelt in Partnerschaft mit Ionis Pharmaceuticals). Die Studie untersuchte über 8.300 Patienten mit etablierten Herzkreislauf-Erkrankungen und erhöhten Werten von Lipoprotein(a) Lp(a) – einem erbliche bedingten Risikofaktor für Herzinfarkte und Schlaganfälle, für den es bislang keine gezielte Therapie gibt.
Im Ergebnis verfehlte die Studien ihr primäres Ziel. Zwar senkte Pelacarsen die Lp(a)-Blutwerte signifikant, dies führte jedoch überraschend nicht zu einer statistisch bedeutsamen Reduktion schwerer kardiovaskulärer Ereignisse (Herzinfarkte, Schlaganfälle oder kardiovaskulärer Tod) im Vergleich zu Placebo.
Für Novartis ist das eine bittere Enttäuschung, da Pelacarsen in der Branche als sogenannter Megablockbuster mit einem erwarteten jährlichen Spitzenumsatzpotenzial von mehreren Milliarden US$ galt. Dass der biochemische Effekt (Senkung des Fettes im Blut) nicht in den klinischen Nutzen (weniger Herzinfarkte) übersetzt werden konnte, schockierte Analysten und Investoren gleichermaßen.
Der zweite Fehlschlag
Zum Wochenbeginn musste Novartis noch einen zweiten schweren Rückschlag in seiner Entwicklungspipeline verkraften. In einer Phase-3-Studie scheiterte der Wirkstoff Del-desiran zur Behandlung der myotonen Dystrophie Typ 1. Gegenüber der Kontrollgruppe zeigte der Wirkstoff keine statistisch relevanten Verbesserung der Therapie. Dabei ging es um die Zeit, wie schnell Patienten nach einem Griff benötigen, um ihre Hand wieder zu öffnen.
Del-desiran gehört zu den drei Wirkstoffen, die die Schweizer durch die Übernahme von Avidity Biosciences erwarben. Nun stellt sich selbstverständlich die Frage, ob der Kaufpreis von 12 Milliarden US$ nicht doch zu hoch war.
Pause bei der Zelltherapie
Der Pelacarsen-Rückschlag trifft Novartis in einer Phase, in der die Pipeline ohnehin unter genauerer Beobachtung steht. Erst kürzlich musste der Pharmakonzern acht klinische Studien im Bereich der Zelltherapie bei Autoimmunerkrankungen pausieren, nachdem Todesfälle bei Studienteilnehmern aufgetreten waren.
Ein gefährlicher Gerichtsentscheid
Und zu allem Überfluss sorgt auch noch eine Gerichtentscheidung bezüglich des Patentschutzes eines der umsatzstärksten Blockbuster-Medikamente für Unruhe. Dabei geht es um den Patentschutz für Entresto (Sacubitril/Valsartan) – ein Herzmedikament, das mit einem Jahresumsatz von über 6 Milliarden US$ zu den absolut wichtigsten Umsatzträgern von Novartis gehört.
Das Hauptpatent für den Wirkstoff selbst lief bereits ab. Novartis sicherte sich die Exklusivität auf dem US-Markt jedoch über sogenannte Kombinations- und Dosierungspatente (spezifisch für das Herstellungsverfahren und die Wirkstoffkombination von Sacubitril und Valsartan), die den Markt bis weit in die zweiten Hälfte der 2020er-Jahre schützen sollten.
Ein US-Bundesberufungsgericht stufte nun ein zentrales Kombinationspatent für ungültig ein. Das Gericht folgte der Argumentation der Generikahersteller (darunter Viatris und MSN Pharmaceuticals), wonach die Patentansprüche nicht die erforderliche Erfindungshöhe aufweisen bzw. unzureichend offenbart wurden.
Ohne diesen Patentschutz droht der unmittelbare Markteintritt von günstigen Generika in den USA. Das könnte Novartis innerhalb weniger Quartale 50 bis 80% des Entresto-Umsatzes im weltgrößten Pharmamarkt kosten.
Neues 6-Monatstief
Durch den heutigen Kurssturz der Novartis-Aktie verschlechtert sich das Chartbild dramatisch. Die Aktie sinkt auf den tiefsten Stand seit sechs Monaten und notiert fast auf einem neuen Jahrestief. Der Widerstand bei 107/108 CHF muss nun halten, um einen weiteren Rückfall zu verhindern.
Immer noch zu teuer
In meiner letzten Analyse Ende Juli habe ich Anlegern geraten, nicht mehr in die Novartis-Aktie zu investieren. Selbstverständlich konnte ich damals nicht die Kombination aus Studienrückschlägen und sonstigen aktuellen Problemen vorhersehen, aber mir war bereits vor Wochen die Bewertung der Aktie schon zu hoch.
Und das ist sie auch heute nach dem Kurseinbruch noch. Die Novartis-Aktie ist meiner Meinung nach mit einem Forward-KGV von 17 immer noch ziemlich ambitioniert bewertet.
Ja, wir sprechen hier über einen der am besten positionierten, erfolgreichsten und profitabelsten Pharmakonzerne der Welt. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete Novartis eine operative Marge von knapp über 30%.
Trotz der aktuellen Rückschläge hält das Management des Pharmakonzerns an seiner mittelfristigen Umsatzprognose fest. Bis 2030 will Novartis um 5 bis 6% pro Jahr wachsen.
Ich glaube, dass die Schweizer dieses Ziel auch erreichen werden. Aber dieser Erfolg ist meiner Einschätzung nach bereits im Kurs der Novartis-Aktie eingepreist. Auch die meisten Banken sehen mit Kurszielen von 110 bis 140 CHF kaum ein Upside mehr für den Pharmawert.
Lediglich Dividendenanleger sollten momentan über einen Einstieg in die Novartis-Aktie nachdenken. Durch den jüngsten Kurseinbruch ist die Dividendenrendite auf attraktive 3,4% gestiegen. In Kombination mit einem langfristigen Dividendenwachstum von ca. 5% macht das die Novartis-Aktie zu einem spannenden Lieferanten eines passiven Einkommens.
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Unter dem Strich ist mir die Novartis-Aktie immer noch zu ambitioniert bewertet. Es wird starke positive Kurskatalysatoren brauchen, um dem Schweizer Pharmakonzern wieder einen Impuls für Kurssteigerungen zu geben. Diese Katalysatoren sehe ich derzeit nicht.
Novartis in Kürze
- Novartis (WKN: 904278) mit Sitz in Basel erforscht, entwickelt, produziert und vertreibt ein breites Spektrum von Medikamenten in Bereichen wie Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Immunologie, Neurowissenschaften, Hepatologie und Dermatologie.
- Mit einem Jahresumsatz von ca. 56 Milliarden US$ gehört Novartis zu den zehn größten Pharmakonzernen der Welt.
- Novartis notiert an der Schweizer Börse in Zürich und ist aktuell ca. 230 Milliarden CHF wert.
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