Oracle steht vor einem ungewöhnlichen Paradox: Der US-Softwareriese verfügt über vertraglich zugesicherte künftige Umsätze von 638 Milliarden Dollar, während der Börsenwert zuletzt nur rund 430 Milliarden Dollar betrug. Hinter dieser scheinbar eklatanten Unterbewertung steckt jedoch eine entscheidende Frage: Wie profitabel kann Oracle die gewaltigen KI-Aufträge tatsächlich abarbeiten?

Rekord-Auftragsbestand durch künstliche Intelligenz

Zum Ende des Geschäftsjahres 2026 am 31. Mai hatte Oracle sogenannte Remaining Performance Obligations (RPO) von 638 Milliarden Dollar ausgewiesen. Dabei handelt es sich um vertraglich vereinbarte Leistungen, die noch nicht als Umsatz verbucht wurden. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Anstieg um 363 Prozent. Allein im vierten Quartal kamen weitere 85 Milliarden Dollar hinzu.

Treiber dieser außergewöhnlichen Entwicklung ist vor allem die rasant wachsende Nachfrage nach Cloud-Infrastruktur für das Training und den Betrieb von KI-Modellen. Oracle konnte seine Umsätze mit Cloud-Infrastruktur im Geschäftsjahr 2026 in jedem Quartal deutlich beschleunigen. Die Wachstumsraten lagen nacheinander bei 55, 68, 84 und zuletzt 93 Prozent gegenüber dem jeweiligen Vorjahresquartal.

Damit hat Oracle einen gewaltigen Wachstumspuffer aufgebaut. Die Verträge sind allerdings nicht mit sofort realisierten Einnahmen gleichzusetzen.

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Ein Großteil des Geldes kommt erst später

Oracle erwartet nach eigenen Angaben, innerhalb der kommenden zwölf Monate rund 12 Prozent des bestehenden Auftragsbestands als Umsatz zu verbuchen. Das entspricht etwa 77 Milliarden Dollar. Weitere 34 Prozent beziehungsweise rund 217 Milliarden Dollar sollen innerhalb eines Zeitraums von 13 bis 36 Monaten folgen.

Damit wären innerhalb von drei Jahren ungefähr 290 Milliarden Dollar des heutigen Auftragsbestands als Umsatz realisiert. Mehr als die Hälfte der 638 Milliarden Dollar liegt dagegen zeitlich noch weiter entfernt.

Diese zeitliche Streckung ist für die Bewertung der Aktie entscheidend. Oracle rechnet für das Geschäftsjahr 2027 mit einem Gesamtumsatz von rund 90 Milliarden Dollar nach 67,4 Milliarden Dollar im abgelaufenen Geschäftsjahr. Für das erste Quartal wird ein Umsatzwachstum von 27 bis 29 Prozent erwartet. Der Auftragsbestand bietet somit grundsätzlich die Grundlage für mehrere Jahre kräftigen Wachstums – er lässt sich jedoch nicht beliebig schnell in Umsatz und Gewinn verwandeln.

Das Problem liegt in den Kosten der KI-Infrastruktur

Noch wichtiger als die schiere Größe des Auftragsbestands ist deshalb die Frage, wie viel von diesem Umsatz am Ende als Gewinn und freier Cashflow übrig bleibt. Oracle hat im Geschäftsjahr 2026 zwar einen Rekord beim operativen Cashflow erreicht: Mit 32 Milliarden Dollar lag dieser 54 Prozent über dem Vorjahr. Gleichzeitig verschlang der Ausbau der Rechenzentren jedoch mehr Geld, als das operative Geschäft einbrachte.

Der freie Cashflow fiel deshalb mit 23,7 Milliarden Dollar ins Minus. Oracle musste im Geschäftsjahr 2026 zudem rund 43 Milliarden Dollar an neuen Schulden aufnehmen und weitere 5 Milliarden Dollar über Eigenkapital finanzieren. Für das Geschäftsjahr 2027 plant das Unternehmen zusätzliche Kapitalaufnahmen von etwa 40 Milliarden Dollar, darunter ein bereits angekündigtes Aktienprogramm über 20 Milliarden Dollar.

Der KI-Boom verändert damit die finanzielle Struktur des Konzerns. Oracle wandelt sich zumindest vorübergehend von einem Unternehmen, das erheblichen Cashflow generiert, zu einem Unternehmen mit enormem Kapitalbedarf.

Kunden finanzieren einen Teil des Ausbaus mit

Eine wichtige Entlastung kommt von den Kunden selbst. Oracle zufolge belaufen sich Vorauszahlungen sowie von Kunden bereitgestellte Hardwarebestandteile aus großen KI-Verträgen inzwischen auf insgesamt 75 Milliarden Dollar. Dadurch muss Oracle einen erheblichen Teil der notwendigen Investitionen nicht selbst finanzieren.

Das reduziert zwar den Kapitalbedarf, beseitigt das wirtschaftliche Risiko aber nicht. Für die Erfüllung der KI-Verträge benötigt Oracle unter anderem hochpreisige Grafikprozessoren, Rechenzentren und große Mengen an Energie. Hinzu kommen die Finanzierungskosten für die aufgenommenen Schulden.

Die entscheidende Kennzahl ist daher nicht der Auftragsbestand allein, sondern die Rendite, die Oracle mit diesem Auftragsbestand erzielen kann.

Warum die Aktie trotz des gigantischen Backlogs unter Druck steht

Die Diskrepanz zwischen Auftragsbestand und Börsenwert wirkt auf den ersten Blick wie ein offensichtliches Schnäppchen. Doch ein Auftragsbestand von 638 Milliarden Dollar ist eben kein Gewinn von 638 Milliarden Dollar. Zwischen dem vertraglich zugesicherten Umsatz und dem tatsächlich verfügbaren Gewinn liegen erhebliche Investitionen und laufende Kosten.

Die Oracle-Aktie notierte zuletzt bei rund 149 Dollar und damit deutlich unter ihrem zwischenzeitlichen 52-Wochen-Hoch von 345,72 Dollar. Der Börsenwert lag bei etwa 430 Milliarden Dollar. Selbst unter Einbeziehung der rund 98 Milliarden Dollar Nettoverschuldung wird das Unternehmen damit laut der zugrunde liegenden Analyse niedriger bewertet als sein gesamter vertraglich zugesicherter Umsatzbestand.

Diese Differenz lässt sich als Ausdruck einer Skepsis des Kapitalmarkts interpretieren. Investoren stellen offenbar weniger die Existenz der Nachfrage infrage als vielmehr die Frage, welche Margen Oracle mit der Erfüllung dieser Verträge erwirtschaften kann und wie stark die dafür erforderliche Verschuldung und Verwässerung die Aktionäre belastet.

Bewertung erscheint moderat – Risiko bleibt hoch

Gemessen an den erwarteten Gewinnen wirkt die Aktie nicht offensichtlich teuer. Oracle wird mit etwa dem 26-Fachen des Gewinns bewertet. Auf Basis der für das Geschäftsjahr 2027 in Aussicht gestellten bereinigten Gewinne von 8,05 Dollar je Aktie liegt das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis bei ungefähr 19.

Für ein Unternehmen, das im Geschäftsjahr 2027 einen Umsatzanstieg von rund 34 Prozent anpeilt, ist das auf den ersten Blick eine vergleichsweise moderate Bewertung. Allerdings preist der Markt offenbar Risiken ein, die bei klassischen Softwareunternehmen weniger ausgeprägt wären: hohe Investitionen, steigende Verschuldung, mögliche Aktienverwässerung und die noch nicht abschließend bewiesene Profitabilität großvolumiger KI-Infrastrukturverträge.

Oracle besitzt mit 638 Milliarden Dollar einen außergewöhnlichen Auftragsbestand und damit eine enorme Visibilität für das künftige Umsatzwachstum. Ob daraus jedoch auch ein entsprechend hoher Wert für die Aktionäre entsteht, hängt entscheidend davon ab, wie profitabel das Unternehmen seine KI-Infrastruktur betreiben kann und wie hoch der dafür notwendige Kapitalbedarf bleibt. Der gewaltige Auftragsbestand ist deshalb ein starkes Argument für die Wachstumsstory – aber noch kein Beweis dafür, dass die Aktie tatsächlich günstig ist.

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ℹ Oracle in Kürze

  • Oracle (WKN: 871460) ist ein US-Soft- und Hardwarekonzern mit Hauptsitz in Austin im US-Bundesstaat Texas.
  • Bekannt ist der Konzern vor allem als Betreiber eines Datenbanksystems. Darüber hinaus bietet Oracle seinen Kunden Cloud-Infrastruktur und zahlreiche Anwendungen an.
  • Gegründet im Jahre 1977 und mit einem Jahresumsatz von fast 70 Milliarden US$ zählt Oracle zu den ältesten und größten Tech-Konzernen weltweit.
  • Oracle ist Mitglied im US-Leitindex S&P 500 und ca. 430 Milliarden US$ wert.

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