Die Vistra-Aktie notiert rund 37 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch, obwohl der US-Stromproduzent seine operative Ertragskraft deutlich steigern konnte. Langfristige Stromverträge mit Amazon und Meta sorgen zudem für eine bessere Planbarkeit der künftigen Einnahmen.
Operative Entwicklung spricht eine andere Sprache
Der jüngste Kursrückgang der Vistra-Aktie steht in auffälligem Gegensatz zur Geschäftsentwicklung des Unternehmens. Im zweiten Quartal stieg das bereinigte EBITDA aus dem fortgeführten Geschäft gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 31 Prozent auf 1,77 Milliarden US-Dollar. Im Vorjahr waren es noch 1,35 Milliarden US-Dollar gewesen.
Zu dieser Entwicklung trugen insbesondere höhere realisierte Strom- und Kapazitätspreise sowie zusätzliche Beiträge aus kürzlich übernommenen Kraftwerken bei. Gleichzeitig bestätigte das Management seine Prognose für das bereinigte EBITDA im Gesamtjahr 2026 von 6,8 bis 7,6 Milliarden US-Dollar. Nach Unternehmensangaben wird das Ergebnis voraussichtlich mindestens im Bereich des Mittelwerts dieser Spanne liegen.
Auch der erwartete freie Cashflow unterstreicht die finanzielle Stärke des Konzerns. Vor Wachstumsinvestitionen rechnet Vistra für 2026 mit einem bereinigten freien Cashflow von rund 3,9 bis 4,7 Milliarden US-Dollar. Bezogen auf eine Marktkapitalisierung von etwa 47 Milliarden US-Dollar entspricht der Mittelwert dieser Prognose einer Rendite von ungefähr 9 Prozent.
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Ein Großteil der Stromproduktion ist bereits abgesichert
Eine Besonderheit des laufenden Geschäftsjahres ist die vergleichsweise hohe Planbarkeit der erwarteten Produktion. Vistra hat nach eigenen Angaben nahezu 100 Prozent der für 2026 erwarteten Stromerzeugung durch Absicherungsgeschäfte fixiert.
Hinzu kommt ein umfangreiches Aktienrückkaufprogramm. Seit Ende 2021 hat das Unternehmen eigene Aktien im Wert von rund 6,5 Milliarden US-Dollar zurückgekauft. Dadurch verringerte sich die Zahl der ausstehenden Aktien um etwa 30 Prozent.
Für Anleger bedeutet dies, dass ein Teil der operativen Entwicklung bereits gegen kurzfristige Schwankungen der Strompreise geschützt ist. Gleichzeitig erhöht der Rückgang der Aktienzahl den Anteil der verbleibenden Aktionäre am Unternehmen.
Langfristige Verträge mit Amazon und Meta verändern das Profil
Noch wichtiger für die langfristige Perspektive sind die Verträge, die Vistra mit großen Technologiekonzernen abgeschlossen hat. Im September 2025 vereinbarte das Unternehmen mit Amazon Web Services einen auf 20 Jahre ausgelegten Stromabnahmevertrag. Dieser sieht die Lieferung von 1.200 Megawatt CO₂-freier Energie aus dem Kernkraftwerk Comanche Peak in Texas vor. Die Lieferungen sollen Ende 2027 beginnen.
Im Januar folgten weitere langfristige Vereinbarungen mit Meta. Die Verträge umfassen insgesamt 2.609 Megawatt an Kernkraftleistung und Kapazität aus den Kraftwerken Perry, Davis-Besse und Beaver Valley. Darin enthalten ist auch zusätzliche Leistung, die durch geplante Modernisierungen der drei Anlagen entstehen soll. Die Lieferungen aus den Meta-Vereinbarungen sollen bereits Ende 2026 anlaufen.
Bemerkenswert ist, dass diese Verträge in der bisherigen Prognose für 2027 noch nicht vollständig berücksichtigt sind. Vistra sieht für das bereinigte EBITDA im kommenden Jahr einen Mittelwert von 7,4 bis 7,8 Milliarden US-Dollar, wobei die Meta-Verträge und eine noch ausstehende Übernahme von Gaskraftwerken dabei nicht eingerechnet sind.
Darüber hinaus hat Vistra bis zu 1 Milliarde US-Dollar für Helix zugesagt, ein neues Infrastrukturprojekt für Rechenzentren, bei dem Vistra als bevorzugter Energiepartner fungieren soll.
Damit sind inzwischen knapp 4.000 Megawatt der nuklearen Erzeugungskapazität des Unternehmens langfristig an zwei der weltweit größten Technologiekonzerne gebunden. Für einen Stromproduzenten in einem wettbewerbsintensiven Markt bedeutet dies eine ungewöhnlich hohe Planungssicherheit bei den künftigen Erlösen.
Kursrückgang eröffnet spannende Eintiegschancen
Trotz der operativen Fortschritte hat die Vistra-Aktie erheblich nachgegeben. Vom 52-Wochen-Hoch bei 219,82 US-Dollar fiel der Kurs auf rund 137 US-Dollar. Damit beläuft sich der Rückgang auf etwa 37 Prozent. Auch andere unabhängige Stromproduzenten gerieten unter Druck. Die Aktie von Constellation Energy liegt beispielsweise ebenfalls deutlich unter ihrem bisherigen Hoch.
Die Bewertung der Vistra-Aktie erscheint dadurch inzwischen wesentlich moderater. Das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei ungefähr 13. Gleichzeitig wachsen die operativen Gewinne, die Unternehmensprognose bleibt bestehen und ein erheblicher Teil der künftigen Stromproduktion ist bereits langfristig vertraglich abgesichert.
Allerdings bestehen weiterhin Risiken. Vistra ist in wettbewerbsintensiven Strommärkten tätig und bleibt deshalb außerhalb der abgesicherten Mengen von der Entwicklung der Strompreise abhängig. Auch eine Abschwächung beim Bau neuer Rechenzentren könnte die langfristigen Wachstumserwartungen für den Stromverbrauch dämpfen.
Im zweiten Quartal lag der ausgewiesene Nettogewinn zudem lediglich bei 305 Millionen US-Dollar. Belastend wirkten unter anderem nicht realisierte Verluste aus Absicherungsgeschäften. Solche Schwankungen können bei einem Geschäftsmodell, das stark von Energiepreisen und Hedging-Positionen geprägt ist, erheblich ausfallen.
Unter dem Strich spricht derzeit einiges dafür, dass der deutliche Kursverlust der Vistra-Aktie stärker mit der Neubewertung des gesamten KI- und Stromsektors zusammenhängt als mit einer Verschlechterung der operativen Geschäftslage. Das Unternehmen steigert sein EBITDA, erwartet weiterhin einen hohen freien Cashflow und hat mit Amazon und Meta langfristige Abnahmeverträge für einen erheblichen Teil seiner Kernkraftkapazitäten abgeschlossen.
Bei einem erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 13 wirkt die Aktie angesichts dieser Perspektiven vergleichsweise günstig. Gleichzeitig sollten Anleger die hohe Volatilität des Stromgeschäfts und die Abhängigkeit von der weiteren Entwicklung des Rechenzentrumsmarktes berücksichtigen.
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