Der Börsengang von Anthropic steht möglicherweise kurz bevor. Das IPO des KI-Modellentwicklers dürfte der größte Börsengang der Geschichte werden. Aber ist die Aktie von Anthropic auch einen Kauf wert?

Auf Roadshow

Bevor ich eine Antwort auf die eingangs gestellte Frage gebe, will ich kurz auf die jüngsten Entwicklungen in Bezug auf das Anthropic-IPO eingehen. Medienberichten zufolge führt das Tech-Unternehmen derzeit vorbereitende Gespräche mit potenziellen Investoren. Diese Roadshow deutet auf einen baldigen Börsengang hin, der möglicherweise bereits Ende September stattfinden wird.

Mit einer kolportierten Bewertung von ca. 965 Milliarden US$ dürfte der Anthropic-Börsengang einen Rekord aufstellen. Die IPO-Bewertung von SpaceX lag zwar in Summe höher, aber aufgrund der geringen Zahl an ausgegeben Aktien war das IPO-Volumen von SpaceX deutlich geringer.

Diese zwei Fragen stehen im Fokus

Im Fokus des Interesses der Investoren stehen besonders zwei Fragestellungen: der Businessplan und die technologische Position des KI-Modells Claude.

Dank der rasanten Entwicklung von Claude hat sich Anthropic in den letzten Monaten an die Spitze des wirtschaftlichen und technologischen Wettrennens der KI-Modelle gesetzt und den Erzrivalen ChatGPT von OpenAI überholt. Unternehmensangaben zufolge beträgt der hochgerechnete Jahresumsatz des Unternehmens inzwischen knapp 50 Milliarden US$. Vor allem Claude Code, dass Entwickler beim Schreiben von Software-Codes unterstützt, erfreut sich einer sehr hohen Nachfrage.

Aber Claude steht nicht nur in einem harten technologischen Wettbewerb zu US-Wettbewerbern wie ChatGPT, Gemini und Perplexity, sondern zunehmend auch zu KI-Modellen aus China. In den letzten Wochen machten chinesische Technologieunternehmen mit großen Fortschritten im Bereich der KI-Modellentwicklung von sich reden.

Die Chinesen verfolgen weitgehend einen anderen Ansatz als ihre US-amerikanischen Wettbewerber. Sie fokussieren sich auf nicht ganz so leistungsfähige Modelle wie die US-Technologiekonzerne, bieten diese aber zu deutlich niedrigeren Kosten an.

Das birgt für Anthropic die große Gefahr, dass kostenbewusste Nutzer (vor allem Privatpersonen) lieber etwas weniger leistungsstarke KI-Modelle von Wettbewerbern nutzen. Das Management des Unternehmens hält dagegen, dass chinesische Modelle immer noch einen technologischen Rückstand von mehreren Monaten aufweisen und professionelle Nutzer maximale Leistung von KI erwarten. Das kann sich in Zukunft aber ändern.

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SpaceX als warnendes Beispiel

Für ein abschließendes Urteil über den Anthropic-Börsengang ist es noch viel zu früh. Noch sind nicht ansatzweise ausreichend Details bekannt, um sich eine Meinung zu bilden.

Ich bin aber generell eine warnende Stimme in Bezug auf die IPOs von Technologieunternehmen. In der Regel kommen sie zu extrem ambitionierten Bewertungen an die Börse, die auf einem Höchstmaß an Fantasie beruhen. Diese Fantasie stellt sich im Nachgang meist nicht in vollem Umfang als gerechtfertigt dar.

Das beste Beispiel der jüngeren Vergangenheit war der Börsengang von SpaceX. Auch der Raumfahrtkonzern von Elon Musk kam mit einer außergewöhnlich ambitionierten Bewertung an die Börse. Zuletzt war die SpaceX-Aktie aber deutlich unter ihren Ausgabepreis gefallen.

Dieses Schicksal droht meines Erachtens auch der Anthropic-Aktie. Ich gehe davon aus, dass die am Börsengang beteiligten Konsortialbanken ein Maximum an Anlegerfantasie erzeugen werden.

Ob diese Fantasie letztlich gerechtfertigt ist, wird erst die Zukunft weisen. Stand heute ist völlig unklar, wie tragfähig das Geschäftsmodell von Anthropic ist.

Die enormen Kosten für die Bereitstellung von Rechenkapazitäten müssen schließlich von irgendwem bezahlt werden. Bei professionellen Nutzern aus dem gewerblichen Bereich mache ich mir diesbezüglich wenig Sorgen. Bei Privatanwendern allerdings schon. Die „Gratiskultur“ im Internet hat eine lange Tradition ist dementsprechend stark verwurzelt. Solange Wettbewerber von Anthropic, allen voran Alphabet, ihre KI-Modelle kostenlos anbieten, dürfte es sehr schwer werden, Geld dafür zu verlangen.

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Ich sehe dem IPO-Prospekt von Anthropic mit großer Spannung entgegen. Erst dann wird klar, wie ambitioniert die Bewertung des KI-Unternehmens zum Börsengang sein wird.

Mit Claude hat sich Anthropic eine führende Position im wahrscheinlich spannendsten Technologiemarkt der Welt gesichert. Ob das Unternehmen diese Führungsposition halten kann, wird sich zeigen. Ich habe da so meine Zweifel.

ℹ Anthropic in Kürze

  • Anthropic hat seinen Sitz in San Francisco und wurde 2021 von ehemaligen OpenAI-Mitarbeitern gegründet.
  • Kernprodukt des KI-Startups ist eine Familie großer Sprachmodelle namens Claude. Schätzungen zufolge hat Claude rund 20 Millionen monatlich aktive Nutzer.
  • Im Unterschied zu OpenAI und anderen KI-Modellentwicklern fokussiert sich Anthropic auf die Entwicklung sicherer, zuverlässiger, steuerbarer, interpretierbarer und ethischer KI-Systeme.
  • Zu den Hauptinvestoren von Anthropic gehören sowohl Technologiekonzerne wie Amazon und Alphabet als auch Finanzinvestoren wie Iconiq Capital, Fidelity Investments und Lightspeed Venture Partners.

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