Die Hensoldt-Aktie hatte sich in den letzten Wochen wieder nach oben gekämpft, doch am Freitag kommt es nach der Zahlenvorlage zu einem kräftigen Rücksetzer. Aktuell verliert der Spezialist für Rüstungselektronik knapp -7% und ist damit nach Schaeffler schwächster Wert im MDAX. Sind die Zahlen wirklich so schlecht oder stellt der Dip nun eine gute Einstiegsgelegenheit dar?

Operativ läuft es rund – Auftragsbestand knackt Rekordmarke

Die Halbjahreszahlen sprechen zunächst eine klare Sprache. Hensoldt steigerte den Umsatz um 23,6% auf 1,17 Milliarden € und übertraf damit leicht die Analystenerwartungen. Das bereinigte EBITDA legte um 28,5% auf 137 Millionen € zu, während sich die EBITDA-Marge von 11,3 auf 11,8% verbesserte. Hier hatten Experten allerdings mit einem minimal höheren Wert gerechnet.

Das eigentliche Highlight war jedoch die Auftragsentwicklung. Der Auftragseingang verdoppelte sich gegenüber dem Vorjahr auf 2,81 Milliarden € und lag damit weit über den Konsensschätzungen. Der Auftragsbestand übersprang erstmals die Marke von 10 Milliarden € und bietet dem Konzern somit eine außergewöhnlich hohe Visibilität für die kommenden Jahre.

Getragen wurde das Wachstum von beiden Geschäftsbereichen. Im Segment Sensors sorgten unter anderem zusätzliche Aufträge für Eurofighter-Radare sowie Bestellungen der TRML-4D-Radarsysteme für kräftiges Wachstum. Noch dynamischer entwickelte sich Optronics, wo Großaufträge zur Ausstattung der Schützenpanzer Puma und Schakal den Auftragseingang regelrecht explodieren ließen.

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Ausblick bestätigt

Trotz der starken Entwicklung beließ das Management seine Prognose unverändert. Für 2026 werden weiterhin ein Umsatz von rund 2,75 Milliarden € sowie eine bereinigte EBITDA-Marge zwischen 18,5 und 19,0% erwartet. Das bedeutet allerdings auch, dass Hensoldt im zweiten Halbjahr deutlich profitabler arbeiten muss als bislang.

Das Unternehmen zeigt sich dabei selbstbewusst. Traditionell entfällt ein Großteil der Auslieferungen und Abnahmen auf die zweite Jahreshälfte, insbesondere auf das vierte Quartal. Zudem verbesserte sich der saisonal noch negative Free Cashflow gegenüber dem Vorjahr bereits deutlich, was ebenfalls für den weiteren Jahresverlauf spricht.

Warum der Markt trotzdem verkauft

Die schwache Kursreaktion ist daher weniger auf die Geschäftsentwicklung als vielmehr auf die hohe Erwartungshaltung zurückzuführen. Nach der kräftigen Erholung der vergangenen Wochen waren viele positive Nachrichten bereits eingepreist.

Hinzu kommt die Bewertung. JPMorgan-Analyst David Perry bezeichnet Hensoldt weiterhin als das teuerste Rüstungsunternehmen in seinem europäischen Anlageuniversum. Zwar lobt auch er das hervorragende Produktportfolio, sieht kurzfristig bei anderen deutschen Rüstungswerten jedoch das attraktivere Chance-Risiko-Verhältnis. Jefferies und Warburg Research bleiben dagegen optimistisch und bestätigten ihre Kaufempfehlungen mit Kurszielen zwischen 91 und 94 €.

Bewertung bleibt der Knackpunkt

Fundamental spricht vieles für Hensoldt. Das Unternehmen profitiert unmittelbar von den deutlich steigenden Verteidigungsausgaben in Europa und verfügt über ein Rekord-Auftragsbuch. Gleichzeitig wächst die Profitabilität kontinuierlich.

Genau diese starke Perspektive spiegelt sich allerdings bereits in der Bewertung wider. Nach der Rallye der vergangenen Monate wird Hensoldt mit einem deutlichen Bewertungsaufschlag gegenüber vielen Wettbewerbern gehandelt. Das begrenzt kurzfristig das Überraschungspotenzial, obwohl die langfristigen Aussichten unverändert attraktiv bleiben.

Charttechnik: Rückfall unter die 200-Tage-Linie

Charttechnisch hat sich das Bild zunächst wieder eingetrübt. Seit dem Tief Ende Juni hatte sich die Aktie um bis zu +36% erholt, bewegt sich aber weiterhin innerhalb des mittelfristigen Abwärtstrendkanals, der bereits seit Juni 2025 besteht. Das obere Ende dieses Kanals verläuft derzeit im Bereich von 87 € und bildet einen wichtigen Widerstand.

Mit dem kräftigen Rücksetzer nach den Zahlen fällt der Kurs nun wieder unter die 200-Tage-Linie zurück. Bleibt der Verkaufsdruck bestehen, könnte erneut das untere Ende des Trendkanals im Bereich von 63 € in den Fokus rücken. Dort verläuft auch das markante Juni-Tief bei 63,18 €.

Operativ liefert Hensoldt weiterhin überzeugend ab und der Rekord-Auftragsbestand spricht für anhaltend gute Geschäfte in den kommenden Jahren. Kurzfristig dürfte die bereits ambitionierte Bewertung jedoch eine größere Kursdynamik bremsen. Erst wenn die Aktie den Rücksetzer verarbeitet und den mittelfristigen Abwärtstrend nachhaltig angreift, dürfte sich das charttechnische Bild wieder deutlich aufhellen. Bis dahin erscheint eine abwartende Haltung trotz der starken fundamentalen Perspektiven angebracht.

Am Rande erwähnt: Die globale Aufrüstung treibt die Nachfrage nach kritischen Rohstoffen – unser exklusiver Report „Rüstung – Megatrend im Rohstoffsektor“ identifiziert zwei Unternehmen, die von dieser Entwicklung maximal profitieren werden.

ℹ Hensoldt in Kürze

  • Die Hensoldt AG (WKN: HAG000) mit Sitz in Taufkirchen bei München ist ein Rüstungsunternehmen, das auf die Entwicklung und Herstellung von Radar- und Sensortechnologien spezialisiert ist.
  • Hauptprodukte sind Radar-, Avionik- und optoelektronische Systeme sowie Lösungen zur elektronischen Kampfführung.
  • Hensoldt ging 2017 aus Geschäftsbereichen von Airbus Defence and Space hervor und notiert seit 2020 an der Börse.
  • Das Unternehmen ist Mitglied im deutschen Nebenwerteindex MDAX und ca. 9 Milliarden € an der Börse wert.

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