An der Börse wird viel darüber gesprochen, wie man gute Aktien findet. Deutlich seltener sprechen wir darüber, wie wir sie wieder verlieren.

Dabei beginnt der größte Fehler vieler Anleger häufig genau dann, wenn eigentlich alles nach Plan läuft. Die Aktie steigt, das Unternehmen entwickelt sich hervorragend und das Depot liegt deutlich im Plus. Plötzlich tauchen Gedanken auf wie: „Ich sollte die Gewinne sichern.“ Oder: „Inzwischen ist die Bewertung doch viel zu hoch.“ Vielleicht gibt es auch eine andere Aktie, die auf den ersten Blick günstiger erscheint.

Was vernünftig klingt, entwickelt sich langfristig erstaunlich oft zum teuersten Fehler überhaupt.

Unser Gehirn liebt sichere Gewinne

Warum verkaufen Anleger ihre besten Aktien? Meiner Meinung nach hat das weniger mit Fundamentaldaten als mit Psychologie zu tun. Ein Buchgewinn fühlt sich unsicher an. Erst der Verkauf macht ihn real. Gleichzeitig fällt es uns schwer zu akzeptieren, dass eine Aktie nach einer Kursverdopplung oder Kursverfünffachung immer noch ein attraktives Investment sein könnte.

Genau deshalb werden außergewöhnliche Unternehmen häufig nicht verkauft, weil sich das Geschäft verschlechtert hat. Sie werden verkauft, weil sie sich zu gut entwickelt haben.

Das klingt paradox. Ist an der Börse aber erstaunlich häufig zu beobachten.

Die teuersten Aktien waren oft die besten

Nehmen wir Microsoft (WKN: 870747). Seit vielen Jahren taucht regelmäßig die Frage auf, ob die Aktie inzwischen zu teuer bewertet sei. Trotzdem ist es dem Unternehmen immer wieder gelungen, seine Gewinne schneller zu steigern, als viele Anleger erwartet hatten. Wer allein wegen der Bewertung ausgestiegen ist, musste oft feststellen, dass der Kurs trotzdem weiterlief.

Ein ähnliches Bild zeigt L’Oréal (WKN: 853888). Der französische Kosmetikkonzern gehörte über Jahrzehnte selten zu den vermeintlichen Schnäppchen an der Börse. Trotzdem entwickelte sich das Unternehmen operativ so erfolgreich, dass auch der Aktienkurs langfristig immer neue Höchststände erreichte.

Und auch die Münchener Rück (WKN: 843002) wurde immer wieder als vollständig bewertet bezeichnet. Dennoch sorgten steigende Gewinne, kontinuierlich wachsende Dividenden und Aktienrückkäufe dafür, dass Geduld erneut belohnt wurde.

Natürlich bedeutet das nicht, dass jede hoch bewertete Aktie automatisch weiter steigt. Es zeigt aber, dass hervorragende Unternehmen häufig genau deshalb teuer aussehen, weil sie seit Jahren außergewöhnlich erfolgreich wirtschaften.

Gute Aktien muss man nicht ständig neu bewerten

Ich habe den Eindruck, dass viele Anleger bei einer Aktie zwei völlig unterschiedliche Maßstäbe anlegen. Vor dem Kauf stellen sie sich die Frage, ob das Unternehmen in zehn oder zwanzig Jahren größer sein wird als heute. Nach einer Kursverdopplung geht es plötzlich nur noch um das aktuelle KGV oder den Buchgewinn.

Dabei hat sich am eigentlichen Investment oft kaum etwas verändert.

Wenn ein Unternehmen seine Marktposition ausbaut, seine Gewinne steigert und weiterhin hohe Kapitalrenditen erzielt, warum sollte ausgerechnet der Kursanstieg allein ein Verkaufsgrund sein?

Die größten Opportunitätskosten entstehen oft im Depot

Anleger sprechen häufig über verpasste Chancen. Hätte ich doch nur früher Microsoft gekauft. Hätte ich doch nur L’Oréal entdeckt.

Ich glaube inzwischen, dass die wirklich hohen Opportunitätskosten häufig ganz woanders entstehen. Nämlich dann, wenn man ein außergewöhnliches Unternehmen verkauft, obwohl die Investmentthese weiterhin intakt ist.

Der größte Fehler an der Börse besteht deshalb oft nicht darin, eine schlechte Aktie zu kaufen.

Sondern darin, eine hervorragende Aktie nicht mehr zu besitzen.

Der Artikel Warum fast jeder seine beste Aktie verkauft ist zuerst erschienen auf Aktienwelt360.