An der Börse gibt es eine Frage, die Anleger seit Jahrzehnten beschäftigt: Wo steckt der nächste große Gewinner? Welche Aktie könnte sich in den kommenden zehn oder zwanzig Jahren vervielfachen? Genau deshalb verbringen viele Investoren unzählige Stunden mit der Suche nach neuen Ideen, lesen Analysen, vergleichen Bewertungen und verfolgen jede Quartalszahl.
Ich habe das früher genauso gemacht.
Heute beschäftigt mich jedoch eine ganz andere Frage. Nicht, welche Aktie ich als Nächstes kaufen sollte. Sondern welche ich auf keinen Fall verkaufen darf.
Der teuerste Fehler passiert häufig nach dem Kauf
Über Kaufentscheidungen wird an der Börse viel gesprochen. Über Verkaufsentscheidungen deutlich weniger. Dabei entscheidet häufig genau dieser Moment darüber, ob aus einer guten Aktie ein außergewöhnliches Investment wird.
Nehmen wir Microsoft (WKN: 870747). Das Unternehmen galt schon vor zwanzig Jahren als hervorragend. Trotzdem gab es immer wieder gute Gründe zu verkaufen. Die Bewertung schien hoch, das Wachstum verlangsamte sich zeitweise und neue Wettbewerber tauchten auf. Wer sich damals von seiner Position trennte, realisierte vielleicht einen ordentlichen Gewinn. Gleichzeitig verzichtete er aber auf einen Großteil der späteren Wertentwicklung.
Genau das macht Verkaufsentscheidungen so schwierig. Man weiß nie, ob die eigentliche Erfolgsgeschichte vielleicht gerade erst beginnt.
Langweilige Unternehmen überraschen oft am meisten
Dasselbe lässt sich bei Coca-Cola (WKN: 850663) beobachten. Das Unternehmen verkauft Getränke – kein Geschäftsmodell, das heute viele Anleger als aufregend bezeichnen würden. Dennoch ist es Coca-Cola über Jahrzehnte gelungen, seine Marken zu stärken, Preise anzuheben und die Dividende Jahr für Jahr zu erhöhen.
Auch die Münchener Rück (WKN: 843002) gehört für mich in diese Kategorie. Rückversicherungen wirken auf den ersten Blick alles andere als spannend. Gleichzeitig hat das Unternehmen über viele Jahrzehnte bewiesen, wie wertvoll ein stabiles Geschäftsmodell, diszipliniertes Kapitalmanagement und eine starke Marktposition sein können.
Beide Unternehmen verbindet etwas, das an der Börse häufig unterschätzt wird: Sie müssen niemanden mit spektakulären Innovationen überraschen. Es reicht völlig, über sehr lange Zeit zuverlässig Wert zu schaffen.
Die falschen Opportunitätskosten
Viele Anleger denken bei Opportunitätskosten an verpasste Chancen. Hätte ich doch nur früher Microsoft gekauft. Hätte ich doch nur diese oder jene Aktie entdeckt.
Ich glaube inzwischen, dass die größeren Opportunitätskosten oft ganz woanders entstehen.
Nämlich dann, wenn ein hervorragendes Unternehmen verkauft wird, obwohl sich an der eigentlichen Investmentthese kaum etwas geändert hat. Der Verkauf fühlt sich in diesem Moment vernünftig an. Vielleicht ist die Aktie gut gelaufen. Vielleicht erscheint eine andere gerade attraktiver.
Was dabei leicht übersehen wird: Wirklich außergewöhnliche Unternehmen sind selten. Wer eines besitzt, sollte sich sehr genau überlegen, ob er diesen Platz im Depot freiwillig wieder freimacht.
Meine Suche hat sich verändert
Natürlich freue ich mich noch immer über neue Investmentideen. Schließlich lebt die Börse auch davon, großartige Unternehmen zu entdecken.
Trotzdem verbringe ich heute deutlich mehr Zeit damit, über meine bestehenden Qualitätsunternehmen nachzudenken, als ständig nach der nächsten großen Geschichte zu suchen.
Denn vielleicht besteht der größte Fehler an der Börse gar nicht darin, die nächste Microsoft zu verpassen.
Vielleicht besteht er darin, die eigene Coca-Cola viel zu früh verkauft zu haben.
Der Artikel Ich würde lieber die nächste Microsoft verpassen als die nächste Coca-Cola verkaufen ist zuerst erschienen auf Aktienwelt360.