Lieber Aktiensegler,
die Schere im Aktienmarkt ist für mich ein interessantes Gedankenkonzept. Hier überlege ich mir hin und wieder, welches die erfolgreichen Aktien sind und welche Unternehmen und deren Anteilsscheine derzeit dem Markt hinterherhinterher. Es gibt unterschiedliche Phasen, die wir dabei beobachten können.
Zum Beispiel die Phase niedriger Zinsen, wo viele Aktien eine positive Rendite gezeigt haben. Auch damals gab es ganz klar einige Verlierer. Aber sie waren eher diejenigen Unternehmen, die aufgrund eigener Probleme nicht funktionierten oder wo unprofitable Wachstumsaktien nicht die gewünschten Erfolge gezeigt haben.
Heute ist das Bild meiner Meinung nach ein vollkommen anderes. Die Aktienmarkt-Schere unterteilt sich in die Unternehmen, die mit künstlicher Intelligenz die Welt verändern, und in diejenigen, die von ihr aufgefressen werden. Sie driftet weiter auseinander, vor allem in den letzten Wochen und Monaten.
Die Aktienmarkt-Schere ist ziemlich weit offen
Wenn wir den heutigen Aktienmarkt betrachten, welche Aktien stechen besonders positiv hervor? Es sind die Nvidias dieser Welt, deren Pfad im Bereich künstlicher Intelligenz klar definiert erscheint, die frühen Gewinner, die Early-Birds mit Wettbewerbsvorteilen. Diejenigen Aktien, deren Erfolg sich sehr früh in echten Wettbewerbsvorteilen zementiert. Eine sehr einseitige Sicht auf den Markt. Aber anstatt das zu bewerten, sollten wir lieber auf die andere Seite der Schere schauen.
Denn auf der Verliererseite befinden sich mittlerweile sehr viele Aktien. Seit Neuestem gehören auch die ganzen Software-Aktien dazu, die ursprünglich von künstlicher Intelligenz und ihrer Integration profitieren sollten. Ob es vertikale oder horizontale Software ist? Macht mittlerweile keinen Unterschied mehr. Daneben sind es auch die ganzen Bereiche, die nichts mit künstlicher Intelligenz zu tun haben, die nicht im Markt ankommen. Im Lebensmittelsegment werden Unternehmen teilweise mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen (KGVs) von unter 10 gehandelt. Der Aktienmarkt interessiert sich dafür eher weniger. Es sind eben nicht die brandheißen Werte.
Genauso in Bereichen wie REITs, Telekommunikation oder anderen Alltagsgeschäfte. Selbst Versicherer und Rückversicherer nähern sich teilweise wieder Bewertungen mit einem KGV von unter 12 und 5 % Dividendenrendite an. Alles nicht sexy, solange künstliche Intelligenz regiert.
Irgendwann nähert sich der Markt wieder der Mitte an
Um ehrlich zu sein: Ich weiß natürlich nicht, wie lange die Aktienmarkt-Schere noch so weit auseinander ist. Aber wie Warren Buffett schon sagte: Der Aktienmarkt ist nur kurzfristig ein Schönheitswettbewerb, langfristig bleibt er eine Waage. Daraus folgt, dass ich mich heute nicht an dem Rat-Race der Gewinner-Aktien beteilige, sondern lieber auf diejenigen Unternehmen konzentriere, bei denen ich denke: Die Schere ist zu weit von ihrer Mitte entfernt.
Sie ermöglichen mir Wachstum, eine Sicherheitsmarge, vielleicht eine hohe Dividende mit einem Quäntchen Dividendenwachstum. Und sie sollten mit einer günstigeren Bewertung nicht so stark reagieren, wenn der Aktienmarkt in einer Phase der Korrektur insgesamt ins Straucheln gerät.
Vielleicht solltest auch du dich fragen, auf welcher Seite der Schere im Aktienmarkt du dich befindest. Oder vielleicht sogar, ob ein Wechsel dir jetzt nicht mehr Sicherheit bieten kann.
Auf Märkte, die langfristig einen Ausgleich suchen,
Vincent Uhr
Chefredakteur Aktienwelt360
Der Artikel Die Schere im Aktienmarkt driftet immer weiter auseinander ist zuerst erschienen auf Aktienwelt360.